Zwangsarbeiterlager Nammen

Die Überschrift mag manchen verwundern und als zu drastisch formuliert erscheinen, da dieser Bereich kurz nach dem Kriege Polenlager und wenig später einfach nur Lager genannt wurde. Seit Jahrzehnten befindet sich dort ein Altersheim betrieben vom Diakonischen Werk Minden.

Wie passen eine karitative Einrichtung und ein Zwangsarbeiterlager zusammen? Ich hätte die Überschrift aber noch härter und wahrscheinlich  treffender mit “KZ-Außenlager Nammen” wählen können. Tatsächlich hatten damals viele Nammer die berechtigte Befürchtung, dass man in ihrer  Ortschaft ein Konzentrationslager errichten wollte. Dies bestätigte mir auch Heinrich Watermann, mit dem ich diesbezüglich mehrere Gespräche geführt habe. Herr Watermann ist Zeitzeuge und hat während eines Heimaturlaubs gesehen, dass Schienen von der Mindener Kreisbahn  in das Lager führten. Diese Aussage bestätigte auch Hans-Dieter Prehn, der damals in unmittelbarer Nachbarschaft aufwuchs. Mit ihm bin ich zwecks Aufarbeitung der Dorfgeschichte in ständigem Kontakt. Uns verbindet zudem die Mitgliedschaft im hiesigen Heimatverein. Außerdem wurde an der Straße nach Röcke ein Bunker mit überproportional hohem Schornstein errichtet. Nach Aussage von Kurt Römming hatte dieser bereits eine Höhe von 3 m und war nicht fertiggestellt. Was sollte hier entstehen nachdem man gegen Kriegsende angefangen hatte, Primitivbauten aus Beton zu errichten? Federführend bei diesen Baumaßnahmen war die Organisation Todt (OT). Um die Hintergründe zu verstehen, ist es deshalb zwingend notwendig, sich mit letzterer zu befassen.

Die Organisation Todt

Die Gründung dieser Organisation erfolgte 1938 und trug den Namen ihres Führers Fritz Todt. Der Aufgabenbereich lag vorwiegend im Ausbau militärischer Objekte wie z.B. dem Westwall und dem Atlantikwall. Nach dem Tode Todts 1942 – er kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben – wurde die Leitung an Albert Speer übertragen. Speer war der Lieblingsarchitekt Hitlers und hatte großen Einfluss. Ihm gelang es, die Kriegsproduktion auf ein Höchstmaß zu steigern. Eine zunehmende Anzahl von Zwangsarbeitern musste unter unmenschlichen Bedingungen dazu ihren unfreiwilligen Beitrag leisten. Zu den Aufgabengebieten der OT gehörten der Bau von Abschussrampen für V1 und V2 Raketen, sowie von Luftschutzanlagen und U-Verlagerungen. Bei letzteren handelte es sich um die Verlagerung von kriegswichtigen Produktionsstätten in bombensichere Bereiche unter Tage. Dies wurde nach dem Verlust der Lufthoheit über dem Reich und immer effektiveren Bombenangriffen der Alliierten auf wichtige Industrieanlagen als dringend notwendig empfunden. Für diese Bauvorhaben brauchte man ungeheure Mengen an Arbeitskräften, die aber eigentlich von deutscher Seite nicht vorhanden waren. So ging man verstärkt dazu über, Zwangsarbeiter, verharmlosend spricht man auch von Fremdarbeitern, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge dafür heranzuziehen.

Dafür waren leicht zu überwachende Unterbringungsmöglichkeiten erforderlich. Je mehr U-Verlagerungen es in einem Bezirk gab, um so mehr Zwangsarbeiterlager wurden benötigt. In Porta Westfalica waren das das Lager am Frettholzweg in Hausberge, der Saal im Kaiserhof (heute Reithalle) in Barkhausen und das Lager in Lerbeck am Pfahlweg. Das Lager Nammen bleibt in der mir bekannten Literatur unerwähnt, so als hätte es niemals existiert. Ein ebensolches Tabuthema war offensichtlich auch die Unterbringung von Zwangsarbeitern in der damaligen Gaststätte Fricke und im Konfirmandensaal in Lerbeck. Außerdem bestand in Nammen in Bergnähe nach Aussage von H. Watermann eine Primitivunterkunft für Franzosen, die in der Forstwirtschaft eingesetzt waren. Hans Dieter Prehn berichtete mir, dass Zwangsarbeiter auch im Saal der ehemaligen Gaststätte Picht (Dorfkrug) einquartiert waren. Und es wird eine nicht geringe Anzahl davon auf den Bauernhöfen gegeben haben, die dort auch untergebracht wurden.

Die U-Verlagerungen in Porta Westfalica

Porta Westfalica nahm einen Spitzenplatz ein, was den Umfang und die Größe von U-Verlagerungen im Deutschen Reich anging. In den ehemaligen Sandsteinabbauten im Bereich der Porta wurde unterhalb des Kaiserdenkmals die U-Verlagerung mit dem Decknamen Stör 2 realisiert. Im Jakobsberg gab es Stör 1 und Dachs 1; in Kleinenbremen war Elritze 1 für die Flugzeugproduktion von Focke Wulf vorgesehen. Ferner Elritze 2, 3 und 4. Die beiden letzteren wurden nie realisiert ebenso wie die U-Verlagerung Barsch in Nammen. Hier kam man über Vermessungsarbeiten nicht hinaus. Vorgesehen war eine Größe von 5 000 m2. Hier sollte die Firma Weser Flugzeugbau Bunzlau einziehen und spanlose Verformungen herstellen. Darunter sind Formänderungen von Werkstoffen durch Walzen, Pressen oder Ziehen zu verstehen, bei denen halt keine Metallspäne anfallen. Die Stollen waren hierfür seit dem 29.8. 1944 gesperrt. Das Kriegsende kam weiteren Ausbauplänen und deren Verwirklichung zuvor. In Porta wurde nur im Denkmalstollen (Stör 2) und am Jakobsberg (Stör 1) kurzfristig produziert. Alle anderen Anlagen und deren Ausbau waren letztendlich sinnlose Projekte einer Regierung, die jeglichen Realitätssinn verloren hatte und wahnsinnige Mengen an Geld dafür verschwendete, einen längst verlorenen Krieg weiterzuführen.

Bei den für Nammen und Kleinenbremen vorgesehenen Projekten war es nötig, wenn man der Nazilogik folgt, dafür ein größeres Lager zu bauen. Dies war mit Sicherheit das bis zum Kriegsende nur im Rohbau fertiggestellte Lager Nammen. Es war, wie mir Heinrich Watermann bestätigte, vorgesehen für die kontrollierte Unterbringung von Fremdarbeitern, Zwangsarbeitern, Gefangenen und Kriegsgefangenen, welche in den umliegenden Ortschaften für die Rüstungsindustrie zwangsweise eingesetzt waren. Baubeginn war Ende 1943 wie mir Heinrich Watermann und Hans-Dieter Prehn mitteilten.  In “100 Jahre MT” dagegen ist zu lesen:” Im Kriegsjahr 1944 wurden außerhalb des Truppenübungsplatzes von der OT (Organisation Todt) steinerne Baracken für ein “Arbeitserziehungslager” (KZ) errichtet, die nach dem Zusammenbruch nur erst im Rohbau fertig waren…” (100 Jahre Mindener Tageblatt, S.67) Es war bei der menschenverachtenden Vorgehensweise üblich, dass die Zwangsarbeiter ihr Lager selbst aufbauen mussten. Laut Aussage von Hans-Dieter Prehn als Zeitzeuge waren damals italienische Kriegsgefangene im Saal des Dorfkrugs untergebracht und wurden von der Organisation Todt zum Aufbau des Lagers herangezogen. Wieviele Zwangsarbeiter hier eingesetzt waren ist nicht bekannt. Auf dem Nammer Friedhof befinden sich lediglich 5 Gräber – sogenannte Polengräber – die Rückschlüsse darauf ziehen lassen, dass es mindestens 5 Todesfälle von Zwangsarbeitern polnischer Herkunft in Nammen gegeben hat. Das Lebensalter der dort Beerdigten liegt zwischen 31 und 35 Jahren. Vier von ihnen starben kurz nach Beendigung des Krieges einer schon 1940 und damit drei Jahre vor dem Baubeginn der Baracken. Ob die anderen Todesfälle mit der überharten Arbeit beim Bau des Lagers in Zusammenhang stehen ist fraglich. Sicherlich sind sie Opfer der Nazipolitik, die vor allem für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus osteuropäischen Ländern die Vernichtung durch Arbeit vorgesehen hatte. Auf dem Friedhof in Lerbeck befindet sich ein Massengrab. Hier liegen die Opfer dieser menschenverachtenden Arbeitspolitik, die man auch im Lager in Lerbeck praktizierte. Möglicherweise wurden von hier aus auch Arbeitskräfte zum Lager nach Nammen geschickt.

Die Zeit nach dem Krieg

Nammen hatte ein nicht fertiggestelltes KZ-Außenlager auf einem rautenförmigen Areal von jeweils 250 m Seitenlänge. Die Alliierten Besatzungsmächte übernahmen die Regierungs- und Verwaltungsgeschäfte in den einzelnen Zonen. Statt zum Großdeutschen Reich gehörte Nammen nun zur Britischen Besatzungszone. Was macht man nun mit einem solchen Gebäudekomplex, der selbst wenn er aus nicht fertigen Primitivbauten besteht, in der Nachkriegszeit ein bedeutendes Unterbringungspotential für eine Vielzahl von entwurzelten Menschen darstellt? Da waren zunächst mal die ehemaligen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen vorwiegend östlicher Herkunft, die im Alliiertenjargon als “dp´s” bezeichnet wurden. Das heißt im Klartext “displaced persons”, Leute, die hier fehl am Platz waren, weil sie meist aus östlichen Ländern von den Nazis zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren. Ob diese in Nammen untergebracht wurden, ist mir unbekannt. Pläne dazu hat es aber gegeben. Vorwiegend hatten bei der Unterbringung der “d.p ´s” die Dörfer im Nordkreis zu leiden. H. Watermann berichtete mir, dass ab Ende 1945 Nammen mehr oder weniger als Durchgangslager zur Heimführung vor allem polnischer Heimkehrer diente. Zur Verhinderung von Zwischenfällen gab es im Eckhaus (Holtmann) eine militärische Wache mit englischen Soldaten.Im Haus Heinrich Aldag wurde ein Krankenrevier eingerichtet, das Haus Prasuhn beherbergte die Wachsoldaten. Alle Häuser lagen in unmittelbarer Nähe des Lagers. 1947 wurde in den nördlichen Baracken ein Flüchtlingsaltersheim eröffnet, die Keimzelle des heutigen Hauses Laurentius. Die Baracken müssen in der Zwischenzeit dafür ausgebaut worden sein. Auch für das nicht mehr fertiggestellte Kommandanturgebäude am Eingang zum Lager fand sich eine Lösung. Es diente nach der Fertigstellung als Kindergarten, danach war es Diakoniestation und heute steht es leer. Das heutige Aussehen verdankt der Komplex vor allem dem Kreisgärtner Harald Horstmeier, der das Gelände 1950/51 parkähnlich gestaltet hat.Viel davon kann man auch im Jahre 2014 noch erkennen. Einige Gebäude aus damaliger Zeit sind nur geringfügig verändert worden und nahezu authentisch. Ein im Südwesten gelegener großer Barackenkomplex ist allerdings verschwunden und das Gelände zur Grünanlage umfunktioniert worden. Die ehemalige Zufahrt zur Rintelner Straße in diesem Bereich wurde aus Gründen der Verkehrsberuhigung und Sicherheit entfernt. Damit und durch den Zaun und die Hecken wirkt das Gebiet wie eine geschlossene Einheit. Der Lagercharakter blieb aber im Prinzip erhalten. Trotzdem begann für das Areal ein völlig neuer Geschichtsabschnitt für den das Wort Zwangsarbeiterlager nicht mehr zutrifft. Die Geschichte ließe sich mit veränderter Überschrift an dieser Stelle fortsetzen.

Literaturverzeichnis:

  1. 100 Jahre Mindener Tageblatt, Erinnerungsgabe des Verlages J.C.C. Bruns, 3.November 1956
  2. Hermann Kleinebenne, Die Weserlinie, Weserdruckerei Rolf Oesselmann, Stolzenau, 2. Aufl. 1999
  3. Heimatverein Nammen (Hrsg.), Nammen – Geschichte und Geschichten eines Dorfes – , Hasse Druck, Stadthagen 2002
  4. Hans Walter Wichert (Hrsg.), Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten des 2. Weltkrieges,Druckerei Joh. Schulte, Marsberg 1993
  5. Rudolf Dittrich, Vom Werden, Wesen und Wirken der Organisation Todt, Biblio Verlag, Osnabrück 1998
  6. Juliane Kerzel (Hrsg.) Gedenkstättenarbeit und Erinnerungskultur in OWL – Ein Projektbericht -, Bonifatius Druckerei, Paderborn, 2002

Zeitzeugen:

  • Hans-Dieter Prehn
  • Kurt Römming
  • Heinrich Watermann

Nammen, September 2014 – August 2016
Dieter Bahe

Luftbild, ca 1960
Skizze des Zwangsarbeiterlager
Ehemaliges Kommandanturgebäude
Standort abgerissener Blocks
Gebäude (Bunker) mit dem Schornstein
Erhaltener Block
Die Häuser Holtmann, Aldag, Prasuhn
Zwangsarbeitergräber Friedhof Nammen
Massengrab Friedhof Lerbeck
Eingang zur geplanten U-Verlagerung Barsch