Strahn und die Strahnsiedlung

Die Kolonie Strahn

Das Wort “Strahn” deute ich als Streusiedlung, das ist eine außerhalb der dörflich geschlossenen Bebauung gelegene Gruppierung weniger Häuser. Der Brockhaus beschreibt dies als “verstreute Gehöftlage, eine Dorfform”. Um eine Dorfform handelt es sich im Falle des Strahn sicherlich nicht. Der Begriff kommt aus dem Plattdeutschen. Hier bedeutet “strahen oder strahn” soviel wie streuen. In unserer Gegend sind solche außerhalb der Ortschaften gelegenen Gehöfte häufig zu finden. Man denke nur an Gut Wedigenstein, Wittenhusen (bei Holzhausen) oder den Rethhof (bei Bückeburg). Auf einer Karte von 1898 wird dieser Bereich als Kolonie Strahn bezeichnet. Es gab auch den Begriff Strahnmühle, denn hier existierte früher eine leider nicht mehr vorhandene Wassermühle. Ihr Ursprung geht laut eines Artikels im MT auf das Jahr 1536 zurück. Sie wird 1817 in einem Bericht von Amtmann Gellern so beschrieben: ” 1/2 Stunde von der Kirche entfernt liegt eine Wassermühle mit 1 Mahlgang womit 1 Ölmühle in Verbindung steht. Ein Bauernhaus und 2 kleine Nebenhöfe liegen dabei.” Über Generationen war sie im Besitz der Familie Drögemeier. Nach der Stilllegung wurde sie im 2. Weltkrieg nochmals reaktiviert, um dann in Vergessenheit zu geraten. Andere Mühlen im Bereich der westfälischen Mühlenstraße hat man restauriert. Für die Strahnmühle und die Nammer Windmühle hat sich das wohl nicht gelohnt. Es folgte der Verfall. Geblieben sind noch der Mühlenteich mit dem erhöhten Wasserablauf und bei der Windmühle Nammen der Erdhügel.
Die Kolonie bestand bis in die 1950 er Jahre aus einem Bauernhaus, einer Leibzucht und mehreren Nebengebäuden. Die Lage war nicht so abseits, wie man vermuten könnte, im Gegenteil: Man lag nah am sogenannten Frankfurter Weg, der über das Levernsiek Richtung Weserfurt bei Vössen (Holtrup) und in nördlicher Richtung über Meißen und Notthorn (alte Bezeichnung Noththurm) verlief. Hier an der Grenze zu Schaumburg-Lippe waren wohl früher ein Wachtturm und eine Landwehr. Diese Wegführung war damals die einzige mögliche Verbindung für Gespanne auf der Ostseite der Porta. In der Porta selbst reichte die Weser bis an die Felsen des Jakobsberges. Die heutigen Verkehrswege dort wurden erst nach zahlreichen Sprengungen und Geländeumformungen möglich.

Das Bauernhaus musste dem Ausbau der Straße weichen und auch die Mühle und die Leibzucht wurden abgerissen. In zwei neueren Nebengebäuden etablierte sich eine Dependance der Firma Knippschild, Stahl-Maschinenbau heute ansässig in Rinteln. Danach wurde hier die Firma Porta Fenster gegründet, die nach notwendiger Vergrößerung aber ins Gewerbegebiet Nammen umzog. Diese Firma ist schon lange von der Bildfläche verschwunden. Nachnutzer waren noch der Bauhof Nord und momentan die Firma MTS (Meier Tief- und Straßenbau GmbH). Auf dem Areal der ehemaligen Leibzucht befindet sich ein Holzlagerplatz. Hier war zu Zeiten des Bauhofs eine Annahmestelle für Grünabfälle. Das war für die Strahnsiedlung extrem praktisch, denn seit dem Brennverbot mussten Lösungen zur Beseitigung der in Nammer Gärten reichlich anfallenden Biomasse gefunden werden.

Der gesamte Komplex liegt aber im Bereich der Gemeinde Lerbeck. Als östlich davon 1939 in Nammen eine neue Siedlung entstand, wählte man dafür den Namen Strahnsiedlung. Auf neueren Karten wird der Einzugsbereich der Teilnehmer unseres Straßenfestes als Strahn/Portastraße bezeichnet. Inzwischen sind in diesem Bereich neue Straßennamen eingeführt worden. Aus der Portastraße wurde Zur Porta und das nördliche Anhängsel heißt jetzt Hermann Löns Straße. Das Wort Strahn wurde in den Straßen Unterm Strahn, Am Strahn, Im Strahn und Zum Strahn reichlich strapaziert. Bei der Gebietsreform 1973 war man wohl in Zugzwang und es mussten schnell für viele Straßen neue Namen her, um Dopplungen zu vermeiden. Historisch korrekter müsste man unsere Siedlung mit Unterm Zuschlage oder auch Vorm Lanvert bezeichnen. Das kann man dem Urmesstischblatt von 1837 entnehmen. Das Zuschlagen war noch bis um 1900 eine beliebte Art, seinen Besitz zu vergrößern. Man ließ sich aus der gemeinen Mark Land ausweisen und trennte dies durch Zaun, Hecke oder Wall ab. Dafür zahlte man lediglich ein Zuschlagsgeld. Vielfach wurde dies auch illegal, d.h. ohne Genehmigung gemacht. Wurde dieses unrechtmäßig erworbene Land nicht innerhalb der nächsten 30 Jahre zurückgefordert, so ging es in das Besitztum des Zuschlägers über. Mit Zuschlag wird in der Karte von 1837 das Gebiet oberhalb des heutigen Weges “Zur Egge” bezeichnet. Das sagt hier schon einiges zur Siedlungsgeschichte aus. Dies war früher Markenwald. Ein kleiner Wall ist im Wald oberhalb des Hauses Im Strahn 1 vorhanden. Er bildet die Grenze zwischen dem Königlichen Forst und Deitz` Schnedde, wie sie im Volksmund genannt wird. Letztere ist also auch ein Zuschlag gewesen. Bei den modernen Karten von TIM – online hat sie die Nr. 335 (Im Strahn 1 hat die Nr. 334.) und heißt Zuschlag.

Siedlungsgeschichte

1898 gab es im Bereich der heutigen Strahnsiedlung kein einziges Haus. An der jetzigen Straße Zur Porta lagen 6 Häuser, und zwar Röbke Nr. 144 (später Portastr. 31, Zur Porta 236), Fricke Nr. 145 (später Portastr. 33, Zur Porta 234), Droste Nr. 139 ( später Portastr. 35/ Zur Porta 232), Droste Nr. 148 ( später Portastr. 37, Zur Porta 230), Deerberg Nr. 150 (später Portastr. 55, Zur Porta 214) und Busse Nr. 162 (später Portastr. 57, Zur Porta 212). Ein weiteres damals zur Portastraße zugerechnetes Gebäude war das Haus Blomberg Nr. 115 (später Portastraße 43). Hier wurde lange Jahre ein Bierverlag betrieben. Dort konnte man sich in unmittelbarer Nähe auch mit anderen Getränken versorgen. Beispielhaft für den bürokratischen Aufwand, der für einen Hausbau erforderlich war, möchte ich das Haus Nr. 187 später Portastraße 47 (Rinne/ Baumann) erwähnen. Die Unterlagen und die Informationen dazu stammen von Walter Baumann. Der Baubeginn erfolgte 1911. Bis zur Fertigstellung vergingen aber einige Jahre. Man hatte damals nicht annähernd die Ansprüche wie heute und konnte besser improvisieren. Die Familie lebte noch zu Beginn des 1. Weltkrieges in einem Haus ohne Türen. Der Familienvater war zudem an der Front und die Frau mit ihren Kindern auf sich allein gestellt. Im Winter wurden die Türöffnungen mit Stroh abgedichtet, um der Kälte zu trotzen. Trotzdem gefroren die einfachen Scheiben von innen und es bildeten sich Eisblumen. In vielen Zimmern im Haus dürften Minustemperaturen geherrscht haben so auch im Schlafzimmer. Die Bettdecken waren sehr dick und in den Fußraum legte man vor dem Schlafengehen einen Wärmstein, der zuvor im Herd erhitzt worden war. Um sich nicht die Füße zu verbrennen, wurde dieser mit Tuch umhüllt. Das Grundstück wurde von der Familie Battermann im April 1910 für 970 Mark erworben. Aus dem gleichen Jahr stammt auch die Bauzeichnung. Battermann (später Bick) war der
Besitzer des Nachbargrundstücks im Westen. Der Nachbar im Osten hieß Karl Bulmahn. Er war Imker. Als Kinder durften wir in respektvollem Abstand die Bienenvölker beobachten.

Die Häuser der Strahnsiedlung hatten die Nummern 253 – 269 und wurden im Jahre 1939 erbaut. Es handelt sich dabei um 16 von 17 geplanten Häusern, die als Ursprung der Strahnsiedlung anzusehen sind. Ein Erwerber verzichtete, da über dem ihm zugelosten Grundstück eine Hochspannungsleitung verlief. Hier baute nach dem Krieg die Familie Gillissen. Der Verlauf der inzwischen abgerissenen Hochspannungsleitung lässt sich noch heute im Gelände sowohl im Berg als auch im Wald erkennen. Die Schneise über den Roten Brink erhielt im Volksmund den Namen “Strichlinie”. Vom Umspannwerk Meißen ging es durch den Westzipfel des Nammer Waldes auf die Strahnsiedlung zu. Der weitere Verlauf war über den Kamm des Roten Brinks (Strichlinie) in Richtung Kraftwerk Veltheim. Damals wurden alle Leitungen (Strom/Telefon) oberirdisch geführt. Ein Telefonanschluss war nur im Hause Harre und bei “Kalkofen
Kohlmeier” vorhanden. Vor letzterem Haus war ein Schild mit der Aufschrift “Feuermeldestelle” angebracht. In Abständen standen zur Abstützung Telegrafenmasten. Auch die Stromversorgung der Häuser erfolgte durch Zuleitungen von außen, die in den Dachgiebel einmündeten.Im Strahn gab es am Rande der damaligen Kohlmeierschen Streuobstwiese ein Umspannhaus. Die Leitungen führten von dort Richtung Westen hart am Waldrand entlang, in Richtung Ost und Nordost. Auf dem Grundstüch Fricke (heute Zur Porta 234) stand damals im Garten ein Telegrafenmast.

Die Bebauung des verbliebenen Grundstücks erfolgte aber kurz nach dem 2. Weltkrieg. Zu dieser Zeit wurde auch das Haus Schierenberg erbaut. Hier gründete der Besitzer Friedrich Schierenberg zusammen mit seinem Kompagnon Karl Harre eine Spedition. Das Haus erhielt die Nummer 345 und später Strahnsiedlung 1 (heute Im Strahn Nr. 1). Es wird momentan von der Familie Petermann bewohnt. Die Namen der Bewohner (Besitzer) der ersten Stunde waren (von Ost nach West): Lichte, Kolkmann, Meier (Lochno), Harre, Schömber, Müller, Feldkötter, Gruner, Knaust, Dammeier, Winterberg und in der unteren Reihe: Böhne, Bahe, Gillissen, Heine, Weizenkorn, Müller. Inzwischen (von den 50er Jahren bis zum Jahre 2018) kamen an den Strahnstraßen 14 weitere Neubauten dazu. Insgesamt befinden sich hier 38 und an der Straße Zur Porta/ Hermann Lönsstraße 21 Wohnhäuser, die in das Einzugsgebiet des Straßenfestes fallen.

Auflistung der Straßenfeste

Das erste Straßenfest fand 1985 vor dem Haus Gillissen Am Strahn 3 statt; das zweite war am 9.8. 1986 vor besagtem Haus. Es folgten 13 weitere Straßenfeste bis 1998 an gleicher Stelle. Das Fest des Jahres 1989 bildete einen Höhepunkt, denn es wurde eine Hinweistafel zum 50 jährigen Bestehen der Strahnsiedlung an der Straße “Zum Strahn” gegenüber der Einmündung “Am Strahn” aufgestellt. Günter Lochno hielt die Festrede zu diesem Ereignis. 1999 fand das Straßenfest bei Speckmanns statt. Ab 2000 war der Ort der Festivität vor den Häusern Bahe (Scuderi)/ Baumann Im Strahn 4-6 in jährlichem  Abstand. 2008 war es in der Straße “Unterm Strahn” vor den Häusern Dath/Baumann. Es folgten Straßenfeste vor dem Haus Gommer Im Strahn 10. Seit 2016 findet die Veranstaltung am Ende der Straße “Im Strahn” statt. Hier hat man keine Probleme mit einer Straßensperrung.
Die jährliche Reihenfolge konnte nicht immer eingehalten werden. Es gab persönliche Schicksalsschläge der Organisatoren, die eine Verschiebung oder eine Verlagerung des Festes an einen anderen Ort zur Folge hatten. Die Beteiligung der Anwohner ließ im Laufe der Jahre ebenfalls nach. Auch sollen nachbarschaftliche Querelen hier nicht unter den Tisch gekehrt werden, die dazu führten, dass leider etliche Anwohner dem Straßenfest den Rücken kehrten. Wenn man sich alte Fotos anschaut, dann muss man leider feststellen, dass viele der aktiven Straßenfestler inzwischen verstorben sind.
Um die Organisation haben sich in den Anfangsjahren die Familien Gillissen und Weizenkorn verdient gemacht. Diese können auch als Initiatoren angesehen werden. Es folgten weitere engagierte Anwohner, die sich der Tradition verpflichtet fühlten und diese aufrecht erhielten. Zu nennen wären die Familien (in alphabetischer Reihenfolge) Bahe, Baumann, Gommer und Speckmann. Die letzten drei sind auch heute noch maßgeblich an der Organisation des
Straßenfestes beteiligt.
Diese Auflistung ist nach Aussagen von Straßenfestteilnehmern bzw. Organisatoren entstanden. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann, was die Zeiträume angeht, Fehler enthalten. Das Fest stand im Vordergrund und nicht ein chronologisches Notieren der Abläufe. In den Anfängen und auch später hat sicher niemand geahnt, dass das Straßenfest so lange Bestand haben würde. Die Fotos aus den Anfangsjahren hat Manfred Busse gesammelt
und mir zur Verfügung gestellt.

Literatur

  • 950 Jahre Lerbeck, Hrsg. Stadt Porta Westfalica 1983
  • Nammen II, Hrsg. Kurt Römming, Porta Westfalica – Nammen, im Oktober 2014
  • Der Brockhaus, Bd. 5, Leipzig 2000
  • Festschrift 75 Jahre Straßenfest, Nammen “Im Strahn” Festausschuss 2014
  • Urmesstischblatt von 1837, von Puttkammer, Deutsche Staatsbibliothek Berlin
  • Topographische Karte Blatt Minden, Hrsg. Landesvermessungsamt NRW. 1898
  • Weitere topogr. Karten von 1955, 1968 und 2001
  • Unterlagen zum Grundstückskauf des Hauses Rinne/Baumann 187, Portastr. 47, heute Unterm Strahn
  • Horstmann, Kurt, Die Entwicklung von Landschaft und Siedlung in der Umgebung Mindens, Mindener Jahrbuch Band VII 1935 . Herausgegeben vom Mindener Geschichtsverein

Dieter Bahe, April 2019

Historische Fotos

 

Ehemalige Kolonie Strahn um 1970
Zustand ca. 1970
Kleiner Grenzwall von Deitz` Schnedde
Hausbau Gillissen
Spedition Schierenberg u. Harre 1954
November 1980
Hausbau Schwier
Lebensmittelgeschäft Schwier
Strahnsiedlung 1983
Februar 1986

Straßenfeste

Straßenfest Am Strahn 1985
Straßenfest 1985
Straßenfest Am Strahn
2. Straßenfest 1986
50 Jahre Strahnsiedlung
Straßenfest 1989
Straßenfest 1989
Straßenfest vor dem Haus Baumann
Straßenfest 2013 vor dem Haus Gommer
30. Straßenfest
30. Straßenfest