Ski-Club Nammen

Im Winter 1962/63 bestand in Nammen ein lockerer Zusammenschluss mehrerer Skienthusiasten. Dies wurde vor allem durch den schneereichen Winter begünstigt.  Damals lag von Dezember (noch vor Weihnachten) bis Mitte März eine geschlossene Schneedecke. Die Nammer Skifahrer tummelten sich vorwiegend auf der Wiese zwischen dem Timmerbergschen Kalkofen und dem Waldrand, etwa dort, wo heute die Pferde von Helmuth Kahl grasen. Der Hang war überwiegend flach; aber es gab im unteren Teil ein steileres aber nur sehr kurzes Stück Skipiste. Natürlich legte man auch eine Sprungschanze an, auf der sagenhafte Weiten von vielleicht 6m erreicht wurden. Niemand von den Nammern wäre zu dem Zeitpunkt auf die Idee gekommen, zum Skifahren in die Alpen zu fahren. Das Maximum war der Harz oder – in unserer Nähe – die damals stark frequentierte Wiese am Hausberger Wasserwerk, im Volksmund auch Idiotenhügel genannt.
Man verfolgte aber interessiert Skirennen im Fernsehen und so war es nicht verwunderlich, dass irgend jemand auf die Idee kam, so etwas auch in Nammen zu organisieren. Die Rennstrecke lag unterhalb der westlichsten Erhebung der Nammer Klippe mit dem Startpunkt  bei  knapp 200m über NN. Sie hatte zunächst den Charakter einer Loipe und führte  direkt bergab. Es folgte eine Rechtskurve, die damals unserem Fußballjugendtrainer Ernst Schütte zum Verhängnis wurde. Er fuhr beim Training vor einen Baum und brach sich das Bein. Um weitere Unfälle dieser Art zu vermeiden, wurde der Baum mit Einverständnis des Forstamtes gefällt. Nach einer leichten Linkskurve überquerte man einen Waldweg und folgte im weiteren Verlauf einem Hohlweg, der auch zum Rodeln benutzt wurde. Die vormalige Loipe nahm hier fast die Gestalt einer Bobbahn mit Steilkurven an. Am Waldrand, knapp 200m südöstlich der oben beschriebenen Skiwiese, in ca.150m über NN war das Ziel. Hier war ein größerer Platz für die Lagerung von Holz, auf dem sich damals zahlreiche Zuschauer einfanden. Von hier führte östlich der Rennstrecke ein Waldweg in Richtung Nammer Klippen, der von den Skifahrern zum Aufsteigen (zu Fuß, Ski auf dem Rücken) benutzt wurde. Es wurden damals sogar einige Artikel im Mindener Tageblatt mit Fotos veröffentlicht.

Wimple des Skiclub Nammen
Wimple des Skiclub Nammen

Gruppenbild
Gruppenbild

Die Länge der Rennstrecke betrug etwa 400m. Es war eine Telefonleitung vom Ziel zum Start verlegt worden, mittels derer der Zeitpunkt zum Starten für den einzelnen Läufer übermittelt wurde, denn es bestand kein Sichtkontakt. Das Gefälle war mit ca. 13%  sehr moderat, die erzielten Geschwindigkeiten (schätzungsweise 30 km/h) keinesfalls atemberaubend. Am Anfang war die Spur wie in einer Loipe vorgegeben. Man musste sie nur halten. Eine ausgefeilte Skitechnik war nicht nötig. Das Material der Teilnehmer ließ diese auch gar nicht zu. Wer gut ausgerüstet war, hatte Tourenski mit entsprechender Bindung und bewegliche Skischuhe aus Leder. Die Bindung konnte für die Abfahrt fester und zum Skiwandern lockerer (Der Fuß ließ sich dabei im hinteren Bereich heben.) eingestellt werden. Parallelschwünge waren damit kaum realisierbar. Diese Art des Skifahrens -Tourengehen – ist heute in den Alpen wieder in Mode gekommen. Spitzensportler beherrschen, um elegante Kurven zu fahren, den Telemark (Dabei sind die Bindungen auf Skiwandern gestellt; der Fuß ist also beweglich). Die für das damalige Rennen ausreichende Technik bestand in Schneepflug oder Stemmbogen zum Bremsen im Zielbereich. Zur Not taten es auch ein gekonnter Sturz zur Seite oder die „Backenbremse“.
Beim Rennen in Nammen waren gut gewachste  Ski mit glatter Lauffläche  und ein höheres Körpergewicht von Vorteil. Letzteres hatte Willi Schlötel ganz sicher nicht und gewann trotzdem. Auf dem Foto trägt er auch die Nummer 1. Ich nahm damals ebenfalls an dem Rennen teil und konnte mich nach dem Vorlauf und dem 11. Platz knapp für das Hauptrennen qualifizieren. Hieran nahmen nur die 12 Erstplatzierten teil. Für den Endlauf lieh mir Dieter Lichte seine Ski und ich erreichte noch den siebten Rang. Die meisten der abgebildeten Teilnehmer sind mir deshalb auch bekannt. Die Nummer, die sie tragen, entspricht ihrem Platz im Finale. Es sind: Nr. 2 Günter Müller,  Nr. 3 unbekannt,  Nr. 4 Robert Borghardt,    Nr. 5 Rainer Söchtig,  Nr. 6 Harald Thüner,  Nr. 8 Karl- Friedrich Sandmann,  Nr. 9 Heinz Lühmann ?,  Nr. 10 Hans Reineking,  Nr. 12 unbekannt.
Was ist aus dem Ski-Club geworden? Die nächsten Winter brachten leider sehr wenig Schnee. 1966 gab es absolut gar nichts von der 62/63 so herrlichen weißen Pracht. Damit ließ auch das Interesse der Nammer am Skifahren vor der Haustür nach. Die Idee, eine Skiabteilung innerhalb des Tus Nammen zu etablieren, war schnell ad acta gelegt.

Willi Hartmann 1963
Willi Hartmann 1963

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Anmerkung in eigener Sache

Die Ereignisse liegen 53 Jahre zurück und sind von mir aus der Erinnerung aufgeschrieben worden. Von den Vorbereitungen zum Rennen, dem Präparieren der Strecke, dem Verlegen der Telefonleitung und den Trainingsläufen habe ich nichts mitbekommen. Vielleicht kann ja jemand aus der Gruppe der Initiatoren dazu noch etwas sagen oder den Artikel ergänzen. Ich bin damals vorwiegend zusammen mit Harald Thüner, Dieter Lichte und Werner Drinkuth im Westen Nammens am Roten Brink Ski gefahren. Meistens – aber nicht an diesem Tag – war auch Fritz Schierenberg mit von der Partie, der allerdings damals schon in Leteln wohnte. Die Pisten lagen sozusagen vor unserer Haustür. Harald Thüner hatte irgendwann von dem Rennen erfahren und unsere kleine Gruppe beschloss, daran teilzunehmen. Wir legten die Strecke dorthin auf Skiern zurück und machten noch einen Umweg über den Roten Brink, um von knapp unterhalb des Kammweges abfahren zu können. Das klappte aber nicht so gut, weil das Gefälle Richtung Nammer Pass gering war und wir durch hohen und damit bremsenden Schnee fahren mussten. Ich meine, es war an einem Sonntag im Januar 1963. Über Ergänzungen oder Korrekturen des Artikels (Zeitangaben, Teilnehmerliste, technische Details,Streckenverlauf) würde ich mich freuen. Vielleicht hat ja noch jemand die damaligen Artikel aus dem MT aufbewahrt.
Die Daten zur Rennstrecke habe ich mit Hilfe der topographischen Karte 3719 Minden, Maßstab 1:25000 vom Landesvermessungsamt NRW zusammengestellt.

Nachtrag:

Nach unermüdlichen Recherchen von Manfred Busse, ist es gelungen,das Protokollbuch des Skiclubs aufzutreiben. Dem damaligen Schriftführer Manfred Kohlenberg verdanken wir es, eine für Nammen außerordentlich interessante Quelle zur Ortsgeschichte zur Verfügung zu haben. Mit ihrer Hilfe lässt sich die kurze Geschichte des Skiclubs lückenlos rekonstruieren. Deshalb gilt mein besonderer Dank den beiden Manfreds, ohne die ich diese Zeilen nicht hätte verfassen können.

1. Gründung des Skiclubs

Am Sonntag, den 27.1.63 fanden sich zahlreiche „Nammer Jungs“ zum Skilaufen oberhalb der „Dicken Buche“ ein. Man veranstaltete einen Abfahrtslauf, den bei den Senioren Günter Müller gewann. Nach der Siegerehrung setzte man sich noch ein wenig im Lokal Werner Korff zusammen. Hier wurde nach einigen Gläschen Likör und Bier die Gründung eines Skivereins angeregt. Man kam schnell zur Sache. Willi Hartmann fungierte erfolgreich als Wahlleiter. Es kristallisierte sich folgendes Ergebnis heraus: 1. Vorsitzender: Ernst Schütte, 2. Vorsitzender: Willi Schlötel, Schriftführer und Kassierer: Manfred Kohlenberg. Der Verein gab sich den Namen 1. Skiclub Nammen von 1963. Als Vereinswirt wurde Werner Korff gewählt. Die Treffen sollten zukünftig in seiner Gaststätte „Altes Forsthaus“ stattfinden.

2. Angliederung an den TuS Nammen

>Die 2. Versammlung fand am 30.3. 63 statt. Hier stand u.a. der Anschluss an den TuS Nammen auf der Tagesordnung, der schließlich bei der 4. Versammlung am 21.1. 1964 (schon als Abteilungsversammlung benannt) den Anwesenden bekannt gegeben wurde. Man war jetzt „Skiabteilung“ des TuS . Natürlich wurden auch die anderen Funktionärsposten umbenannt. Die weiteren Aktivitäten fokussierten sich auf die Organisation von Ausflügen zum Skifahren in den Harz,da in Nammen mangels Schnee kaum noch Ski gefahren werden konnte und deshalb auch die Ausbaupläne (Verlängerung) der Rennpiste nicht realisiert wurden.

3. Das Ende der Skiabteilung

Die letzte protokollierte Veranstaltung fand am 15.3. 1969 mit einem gemeinsamen Essen beim Clubwirt statt. Insgesamt gab es bis zu diesem Zeitpunkt 6 Abteilungsversammlungen. Auf Dauer ließ sich auch im TuS eine Skiabteilung nicht etablieren. Die schneearmen Winter und die zunehmende Entdeckung der Alpen mit Liftsystemen und unendlichen Abfahrtsmöglichkeiten durch hiesige engagierte Skifahrer taten ein Übriges.

4. Die Mitglieder

Im Jahre 1963 hatte der Skiclub 21 Mitglieder, die nicht nur aus Nammen stammten. In der Skiabteilung beim TuS waren es noch 18. Der monatliche Beitrag betrug 1963 10 Pfennig und ab 1964 20 Pfennig.

5. Die Rennen

Es wurden insgesamt 5 Rennen ausgetragen – alle 1963. Das erste Rennen fand am 27.1. statt (siehe oben 1. Gründung..)     Das 2. Rennen fand am 3.2. statt und wurde wegen des Sturzes von Ernst Schütte mit doppeltem Beinbruch abgebrochen.Das 3. Rennen erfolgte am 10.2. (siehe auch mein Erlebnisbericht). Es siegte Willi Schlötel vor Heinz Ebler und Günter Müller. Am 17.2. gab es das 4. Rennen mit Friedhelm Hartmann als Sieger. Das 5. und letzte Rennen fand am 24.2. statt. Sieger wurde Willi Schlötel vor Friedhelm Pape und Willi Hartmann. Die Rekordzeit für die Strecke mit 375 m hielt ebenfalls W. Schlötel mit handgestoppten 31,1 Sek.. Das entspricht einer Durchscnittsgeschwindigkeit von ca. 43 km/h, vorausgesetzt die obige Längenangabe ist korrekt. Im Zielbereich und im Hohlweg könnten damit Spitzengeschwindigkeiten von 50 km/h erzielt worden sein.