Gestohlene Würste

Wie dem Nammer Pastor die Würste gestohlen wurden

„Use Wiewer köhn wie sülms in´t Hinnerdeil kniepen“

In vorreformatorischer Zeit, als noch die kleine Vorgängerkapelle der 1523 erbauten heutigen St. Laurentius-Kapelle in der Dorfmitte stand, hatte Nammen bereits seinen eigenen Seelsorger. Er diente seinem Herrn und predigte den Bauern und Tagelöhnern und ihren Familien Gottes Wort. Das Dorf war nach Westen, zu den Weserdörfern hin, durch die damals noch geschlossene Bewaldung, zwischen dem 2000 Jahre alten „Nammer Lager“ und dem Nammer Holz, abgeschnitten. Man lebte, wenn die Gegend nicht gerade von einer der häufigen kriegerischen Auseinandersetzungen heimgesucht wurde, zwar beschwerlich, aber doch zufrieden, vom Ackerbau.

Eines Tages war es mit der dörflichen Ruhe vorbei. Weihnachten stand vor der Tür und überall war Hausschlachtezeit. Wie ein Strohfeuer machte es unter der Einwohnerschaft die Runde: Über Nacht waren dem Pastor aus seiner Schlachtung alle Würste von der Pfarrhausdiele gestohlen worden. Sie hingen jetzt, was keiner wusste, am Ortsrand in Tagelöhner Voigt´s Heuerlingshaus unter der Dielendecke.

Voigt´s ältester Sohn Hinrich war im Rahmen der gemeindlichen Hude- und Weiderechte als Nammer Gänsehirte angestellt. Regelmäßigen Schulbesuch kannte man noch nicht. Aber Hinrich war in allem ein aufgeweckter Bursche. Täglich trieb er morgens die elterlichen Gänse und die der Bauern in den Nammer Berg und abends zurück. Er kannte die besten Futterstellen.

Hinrich, der Gänsehirte, hatte zwar den plötzlichen „Würstesegen“ im elterlichen Hause registriert. Nachgedanken hatte er sich dazu erst einmal keine gemacht, bis ihm Pastor´s Mißgeschick zu Ohren kam. Nun war bei ihm „der Groschen gefallen“. In seiner Hütezeit ersann er sich einen Reim, der ihm dann nicht mehr aus dem Kopf wollte. Immer wieder, auch auf dem Weg aus dem Nammer Berge ins Dorf hinunter, sagte er ihn laut hörbar vor sich hin:

„Lüttke Göse, grote Göse, olle hört sei use.
Dän Pastauer häwet sei de Wöste klauet, de hanget in usen Huse.“

Irgend jemand musste wohl zugehört und dem Pastor einen Wink gegeben haben. Sonnabend morgen passte der Seelsorger Hinrich auf seinem „Gänsemarsch“ auf. Aber das Bemühen war vergebens, etwas über die wundersame Ortsveränderung der pastoralen Mettwürste, Leberwürste und Blutwürste in Erfahrung zu bringen. Da kam dem Gottesmann eine leuchtende Idee: „Hinrich, wenn du Sonntag morgen in der Nammer Kapelle vor allen Leuten deinen Gänsevers aufsagst, bekommst du von mir dafür einen Taler.“ „Einen Doaler,“ kommt es von Hinrich, „dän kann man lichter nich verdeinen. Dat moake eck!“

Doch da war noch Tagelöhner Voigt, der von dem Gespräch „Sohn und Pastor“ etwas mitbekommen hatte. „Hinrich, wat woll denn de Pastauer van die?“ war abends seine Frage. Wahrheitsgemäß erstattete dieser Bericht. „Junge,“ sagte der Vater, „bevör wie baden Sönndag morgen noa de Kerken goaht, gewe eck die ers `ne Lektion.“ So geschehen, betraten die beiden ehrfürchtig das kleine Gotteshaus, das die Vorfahren dem heiligen Sankt Laurentius gewidmet hatten.

Das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ lag der Predigt des Seelsorgers an diesem Sonntag zu Grunde, und jeder wusste, welcher Hintergrund ihn zu dieser Textauswahl bewogen hatte. „Liebe Schwestern und Brüder in Christo,“ beschloss er seine Predigt, „es ist bekannt, dass man aus dem Pfarrhaus die Würste gestohlen hat. Nun sollt ihr aber wissen, wer solche Schandtat über sich brachte und auf welcher Diele sie jetzt hängen.“

Mit einem Zeichen beorderte er Hinrich zum Altar und forderte ihn auf, den Gänsevers aufzusagen. Teil eins der Bitte erfüllte der Gänsehirte dem Pastor: Er ging nach vorn. Doch als er vor der Gemeinde stand und seinem in einer der hinteren Bänke sitzenden Vater in die Augen sah, war die Furcht vor diesem gößer als die Gottesfurcht. Und dann kam´s klar und deutlich über seine Lippen:

„Lüttke Göse, grote Göse, olle hört sei use.

De Pastauer hät use Meume in´ t Hinnerdeil knepen, achter usen Huse.“

Nicht einmal das Atmen der Kirchgänger in den vollbesetzten Reihen war mehr vernehmbar. Eine unheimliche Stille war in das Gotteshaus eingekehrt. Ein Leichentuch konnte nicht blasser sein, als das versteinerte Gesicht des Seelsorgers. Es dauerte, bis aus verschiedenen Bänken leises Gemurmel kam, das zunehmend´st zu einem Protest anschwoll. Und plötzlich stand der alte Hopmann auf und sagte für alle laut und vernehmlich:

„Bruhke wie för sowat einen Pastauer?
Use Wiewer köhn wie doch woll no sülms in´ t Hinnerdeil kniepen!“