Die Sankt Laurentius-Kapelle

Was war das für eine Enttäuschung unter den Zuhörern, als im Oktober 1992 Baudenkmalspfleger Peter Barthold das Ergebnis des vom Kapellenverein in Auftrag gegebenen dendrochronologischen Gutachtens – der wissenschaftlichen Altersbestimmung – der St. Laurentius-Kapelle in Nammen vorstellte. 17 Holzbohrproben hatten die Experten genommen. Ein Dutzend wiesen auf 1520 hin, mit einer Toleranz von wenigen Jahren, der Rest war jüngeren Datums oder unbrauchbar. Auf 1523 wurde das Erbauungsjahr gutachterlich datiert.

Alles, was man im Dorf über die Kapelle wusste, von einer Generation zur anderen überliefert und um 1840 von Lehrer Hedinger in der Kapellenchronik niedergeschrieben, sollte nicht mehr gültig sein?

Doch der Wissenschaftler konnte die Gemüter bald beruhigen. Die St. Laurentius-Kapelle, von alters her im Dorf lieb gewonnen und gepflegt, hatte nach fester Überzeugung der Experten an ihrem Standplatz eine Vorgänger-Kapelle. In kleineren Abmessungen um 1184 von einem Einsiedlermönch auf dem „Katholikenhügel“ an der „Großen Klus“, im Grenzbereich Meißen und Röcke, errichtet, überführten die Nammer sie um 1350 nach hier. Fast zwei Jahrhunderte stand sie auf dem „Scheiwen Maat“ (Schiefen Markt), war Gotteshaus und Dorfmittelpunkt, bis sie der wachsenden Zahl der Einwohner zu klein oder baufällig geworden war.

Das Bekannte aus der Kapellengeschichte beruht weitgehend auf den Niederschriften von Lehrer Hedinger in der Kapellenchronik, die von dem 1984 gegründetem Kapellenverein vor einigen Jahren in Buchform herausgegeben worden ist. Vor der Reformation, die in Nammen wahrscheinlich Ostern 1604 Einzug gehalten hat, war die Kapelle ein katholisches Bethaus. „Ein Bild der Mutter Maria im Altarraum brachte den Gläubigen Trost, den Kranken Genesung und dem frommen Beter Segen in Haus und Feld,“ so berichtet die Chronik.

Hedingers These, dass Nammen mit seinen damals 49 Hausnummern 1660 oder 1663 mit „hoher Genehmigung“ im Tausch mit Luhden vom Kirchspiel Kleinenbremen nach Petzen umgepfarrt“ wurde, ist nicht ganz unumstritten. „Die Nammer tauschten mit den Luhdenern ihre Kirchsitze und Begräbnisplätze und hatten fortan der Geistlichkeit von Petzen ihre Abgaben zu entrichten,“ so berichtet der Chronist.

Im Jahre 1654 erhielt die St. Laurentius-Kapelle, zunächst ohne Glockenturm errichtet, statt des kleinen, wahrscheinlich im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Glöckleins eine größere Glocke, der man den Namen „Elisabeth“ gab. Sie war eine Stiftung des auf dem geschichtsträchtigen „Sack´s Hof“ im Nammer Osten wohnenden früheren Hausberger Amtmannes. Die Bronzeglocke, die noch heute täglich um 8 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr läutet, trägt folgende Widmungsinschrift: „Friedrich Sak, bedienter Rittmeister ehemals/itzo Churfürstlich brandenburgischer Ambtmann zum Hausberge und Anna Catrina Corfy – Eheleute – diese Glocke zu Gottes Ehre und der Gemeinde zum Besten Giesen lasen und die Capellen zu Nammen verehrt“.

Dem heiligen St. Laurentius, einem Märtyrer der ersten Christenheit, war bereits die alte Nammer Kapelle gewidmet. Auch die heutige St. Laurentius-Kapelle, mit ihrem Erbauungsjahr 1523 älteste Fachwerkkapelle im gesamten nordwestdeutschen Raum und wahrscheinlich auch darüber hinaus, behielt den Namen. Mit der Reformation und dem Übertritt Nammens zum evangelischen Glauben wurde die Namensgebung nicht verändert.

Laurentius verwaltete unter Kaiser Valerian, der von 253 bis 260 n. Chr. in Rom regierte, den Kirchenschatz. Als der Kaiser eines Tages die Auslieferung des Schatzes anordnete, verteilte Laurentius alles Kirchenvermögen unter den Armen, Kranken und Kindern. Mit ihnen und der Bemerkung: „Kaiser, dies ist der Schatz der Kirche,“ zog er zu Valerius. Sich verhöhnt gefühlt, liess der Kaiser Laurentius auf dem Feuerrost hinrichten. Eine Skulptur des heiligen St. Laurentius, eine Stiftung, von einer Südtiroler Künstlerin geschaffen, schmückt seit einigen Jahren den Altarraum der Kapelle.

1685 wäre die St. Laurentius-Kapelle, zusammen mit drei benachbarten Höfen und der gegenüber liegenden Dorfschule, die vollständig vernichtet wurden, fast einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen. Die Spuren diese Brandes waren noch nach eineinhalb Jahrhunderten an dann ausgewechselten Tragbalken zu erkennen, so wird berichtet. Eine andere Brandkatstrophe auf den westlich gelegenen Höfen etwa fünfzig Jahre später überstand die Kapelle ebenfalls unbeschadet, was von den Dorfbewohnern nach den großen Bränden immer als eine „besondere Fügung Gottes“ angesehen wurde.

Im Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763), unter dem auch unsere Heimat schwer zu leiden hatte, entwendeten französische Söldner das Altartuch aus der Kapelle. Fast ein Menschenalter stand der Altar nackt da. Erst 1837, nach einer größeren Renovierung, konnte ein neues Altartuch beschafft werden. Die Mädchen des Dorfes, so die Chronik, gaben damals das Geld dazu. Vor dieser Renovierung sei die Kapelle in einem dermaßen schlechten Zustand gewesen, dass ihr Einsturz drohte, ist überliefert. Große Renovierungen haben etwa alle einhundert Jahre angestanden, kleinere Arbeiten ergaben sich in regelmäßiger Wiederkehr. – Fachwerk will eben gepflegt sein.

Beim Abbruch des alten Altars, so schreibt Lehrer Hedinger, wurde 1837 eine von Würmern zernagte Urkunde gefunden, unter deren verwischten Buchstaben die Jahreszahl 1437 zu erkennen gewesen sei. Für den neuen Altar schenkte Hedinger den Nammern ein von ihm geschriebenes, in einen Holzrahmen gefasstes „Vater Unser“, das bis zu der Renovierung im Jahr 1958 den Altar zierte. Ein Beschluss des Kapellenvorstandes führte 1840 zur Anschaffung der Klingelbeutel.

Nachdem 1969 mit dem Einzug der Kapellengemeinde in das „Dietrich-Bonhoeffer-Haus“ moderne Räume für die kirchliche Arbeit und den Gottesdienst zur Verfügung standen, wurde es ruhig um die St. Laurentius-Kapelle. Um sie zu erhalten und mit Leben zu erfüllen, gründete sich 1984 der Kapellenverein Nammen. Erhebliche Finanzmittel sind seitdem in das altehrwürdige Gotteshaus geflossen, auf das man hier sehr stolz ist. Es präsentiert sich in seiner Schlichtheit, die über Jahrhunderte Ausdruck des bäuerlichen, nicht von besonderem Reichtum gesegneten Dorflebens gewesen ist, in einem guten Zustand. Auch wenn schon vor Generationen über die Neigung des Fachwerks an der Nordseite geunkt wurde – die St. Laurentius-Kapelle wird in ihrer „Schieflage“ noch manche Generation überdauern.

Heute wird sie vorrangig als „Hochzeitskapelle“ und für besondere Gottesdienste genutzt, so beispielsweise immer am „dritten“ Feiertag zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Das Gelübde, das die Vorväter während einer Pestepidemie um 1450 abgelegt haben, wird in Nammen auch mehr als fünf Jahrhunderte später eingehalten.

Neuere Stiftungen in der Kapelle sind das elektrische Läutewerk, das halbstündlich die Zeit anschlägt, Kerzenständer und Kruzifix, die den Altarraum schmücken, und das jetzige Harmonium.