Das Wunder der Heiligen Nacht

Gelübde zum „dritten“ Feiertag geht ins Mittelalter zurück

Im späten Mittelalter anzusiedeln ist der Ursprung des Gelübdes und einer – soweit bekannt – im deutschsprachigen Raum einmaligen Tradition, die in Nammen bis heute aufrecht erhalten wird: Die hohen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten werden im Dorf seither mit einem „dritten“ Feiertag begangen. In der Kapellenchronik findet man nur wenige Hinweise auf das, was über fünf Jahrhunderte mündlich von einer Generation zur anderen weiter gegeben worden ist. Man spricht von dem Nammer „Wunder der Heiligen Nacht“.

Wohl noch vor der Erbauung der heutigen St. Laurentius-Kapelle im Jahre 1523, in der Zeit der Vorgängerkappelle, wütete im hiesigen Raum wieder einmal die Pestilenz. Es war die Vorweihnachtszeit. Nammen war von der tödlichen Krankheit besonders hart betroffen. Nicht eines der knapp fünfzig Häuser des Dorfes wurde von der Epidemie verschont. Überall gab es Pestkranke, viele Familien hatten Tote zu beklagen. Nicht einmal das Vieh konnte geschützt werden.

Nammen war in der Zeit noch gänzlich von Wald eingeschlossen. Nach Westen hin bildete der dichte Gürtel zwischen dem Wesergebirge und dem Nammer Holz eine natürliche Barriere. Trotzdem drang die Kunde von den verheerenden Auswirkungen der Pestepidemie nach außen, aber niemand wagte sich ins Dorf. In Neesen, durch die Lerbecker Gemarkung von Nammen getrennt, lebte ein frommer Schmied. Er hatte nicht nur wegen seines Fleißes und seines Könnens hohes Ansehen, er war auch als Freund und Helfer in Notsituationen geachtet. Im stillen Kämmerlein fasste er den Entschluss, nach Nammen zu gehen und den bedrängten Menschen zu helfen.

Zuvor schmiedete er sich einen langen Haken, in der Art eines Feuerhakens. Ein daran befestigtes Brettchen war für die Weiterreichung von Nahrung an die „Unberührbaren“ gedacht. Seine junge Frau, die bald ein Kind erwartete, bangte um ihn und um die Gesundheit der Familie und versuchte ihn zurück zu halten. Ihr Bemühen war ohne Erfolg. „Wenn uns der Herrgott ein gesundes Kind schenken soll, dann lass mich ziehen,“ war seine Antwort.

Mit seinem „Pesthaken“ und Verpflegung ausgerüstet und von guten Wünschen seiner Frau und den über seinen Mut verwunderten Einwohnern von Neesen begleitet, machte er sich auf den Weg nach Nammen.

Hier bot sich ihm ein schier unübersehbarer Berg schwerster Arbeit. Doch unerschrocken sorgte er mit der Unerstützung einiger Männer im Dorf, die noch zur Mithilfe im Stande waren, für die Bestattung der Toten. Verstorbene waren in fast allen Häusern vor zu finden. Mit dem langen Haken zog er sie nach draußen und brachte sie weiter zu ihrer Ruhestätte. Auch das tote Vieh wurde in gemeinsamer Arbeit aus den Häusern zum „Kuhkamp“ *) geschafft und dort begraben.

Unerschrocken trat der Schmied von Neesen in diesen Tagen vor Weihnachten der Pest entgegen. Doch es schien, als sei er ihrem Wüten nicht gewachsen. In seiner Not versammelte er die noch gesunden Nammer vor dem Altar der St. Laurentius-Kapelle und betete mit ihnen zu Gott. Und dann tat die kleine Gemeinde einen heiligen Schwur: Man gelobte vor dem Allmächtigen, wenn er der Pest Einhalt gebiete und Mensch und Tier wieder segne, wolle man für alle Zeiten die hohen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten im Dorf mit einem dritten Feiertag begehen. Dreimal umschritten die wenigen noch Gesunden die Fachwerkkapelle und jedes Mal bekräftigten sie das Gelübde.

Es geschah das „Wunder der Heiligen Nacht“, wie man es im späteren Abstand in Nammen bezeichnete. Der Notruf der bedrängten Einwohner wurde von Gott erhört. Die Weihnachtstage verliefen ohne jeden Todesfall. Alle Kranken wurden gesund, und auch das Vieh erholte sich von der schrecklichen Seuche.

Als aber der mit großem Dank verabschiedete Schmied nach Neesen heim kehrte, brachte man ihm schon die freudige Nachricht entgegen. Seine Frau hatte ihm am Heiligen Abend einen gesunden Sohn geboren.

1776, so berichtet die Chronik, wiederholten die Dorfbewohner in der St. Laurentius- Kapelle den heiligen Schwur, als eine heimtückische Krankheit alle Kühe des Dorfes dahin gerafft hatte. Die Bekräftigung des Gelübdes war den Nammern sehr wichtig, hatte doch der Berliner Kirchenerlass von 1773 den in den evangelischen deutschen Landen üblichen „dritten Feiertag“ wegen „der Überlastung der Pfarrer“ abgeschafft.

Nachzulesen ist auch, dass vor Generationen einer der Nammer Bauern das Gelübde missachtete. Er war am dritten Ostertag mit einer Kuh auf dem Wege zum Viehmarkt nach Minden. Ohne jede erkennbare Ursache soll das gesunde Tier hinter dem Nammer Holz plötzlich tot umgefallen sein. Es war die Strafe dafür, so sagt der Volksmund, dass der Bauer das Versprechen der Väter missachtete. Nach Nammen zurück gekehrt, war ihm der Spott der Dorfbewohner gewiss.

Bis etwa zum Zweiten Weltkrieg hin wurde in dem bis dahin rein landwirtschaftlich strukturierten Nammen am dritten Feiertag nur die unbedingt notwendige „Sonntagsarbeit“ im Stall verrichtet. Der Zeitwandel hat danach manches verändert. Geblieben ist der Gottesdienst am Tag nach den hohen Festen in der St. Laurentius-Kapelle, in dem des Ereignisses vor einem halben Jahrtausend gedacht und das Gelübde der Vorfahren erfüllt wird. Und zu diesem Gottesdienst – des öfteren in plattdeutscher Mundart – ruft dann die 1654 geweihte „Elisabeth-Glocke“ im Turm der Kapelle, die vielleicht Zeitzeuge des Geschehens in lange vergangener Vorzeit gewesen ist.

*) Der „Kuhkamp“ ist der Bereich der heutigen Neuen Straße, dort, wo nach dem Zweiten Weltkrieg in Nammen die ersten Neubauten entstanden, die letzten Häuser, die vor der Einführung der Straßenbezeichnungen im Jahre 1951 zunächst noch Hausnummern erhalten hatten.