Munitionslager im Nammer Wald

Die Geschichte des Munitionslagers lässt sich in 6 Abschnitte teilen:

1. Bau und Nutzung zur Zeit des 3. Reiches
2. Teilweise zivile Nutzung nach dem Krieg, nachdem das Vorhaben, die Bunker zu sprengen, aufgegeben wurde
3. Nutzung durch die Bundeswehr
4. Vorläufige Aufgabe des Lagers Ende der 60er Jahre
5. Vollkommene Neugestaltung ab Mitte der 1970er Jahre
6. Endgültige Aufgabe Anfang der 1990er Jahre

1. Das Munitionslager während des 3. Reiches

Im August 1935 wurde durch das Heeresamt in Minden die Genehmigung für den Bau eines Munitionsdepots zur Lagerung von 380.000 kg Sprengstoff auf dem Gebiet des Nammer Waldes beantragt. Normalerweise hätte dieser Antrag abgelehnt werden müssen, da der erforderliche Sicherheitsabstand von 1100 m zur nächsten Wohnbebauung nicht gegeben war. Die nächsten Häuser an der Rintelnerstraße auf dem Gebiet der Gemeinde Nammen gelegen befanden sich nur etwa 500m entfernt von dem Projekt. Der erste Bescheid auf die Bauanfrage war dementsprechend ablehnend, aber der Chef des Generalstabes in Münster präsentierte eine Ausnahmebestimmung für militärische Anlagen aus dem Jahr 1922, die normalerweise nicht gegriffen hätte, denn das Depot war alles andere als für die Landesverteidigung zwingend erforderlich. Das Naziregime sah das vollkommen anders. Schon seit der Machtübernahme hatte man erst heimlich, dann immer unverhohlener mit der Aufrüstung begonnen und dabei gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages verstoßen. Militärische Anlagen hatten absolute Priorität. So bekamen die Mindener Behörden kalte Füße und erteilten am 3.9.1935 eine immerhin nur vorläufige Baugenehmigung. Es ist davon auszugehen, dass das Depot (7 Bunker, 1 Wachunterstand und ein Wachgebäude am Eingangsbereich – alles mit einem Schutzzaun umgeben) zügig fertiggestellt wurde und schon 1936 genutzt werden konnte. Weiterhin wurden nordöstlich in Nähe des Munitionslagers an der Kleinbahnlinie Baracken errichtet. Es bestand auch ein Verbindungsgleis westlich der Teerstraße durch den Nammer Wald abzweigend in Richtung Munitionslager.

2. Zivile Nutzung nach dem 2. Weltkrieg

Nach dem Krieg wurden die militärischen Anlagen in unserer Gegend durch die Alliierten in der Regel durch Sprengung unbrauchbar gemacht, z.B. die Produktionshallen unter dem Kaiser Wilhelm Denkmal am 23.4.46 und im Jakobsberg; hier hatte die SS schon vorher Teile der Stollen gesprengt. Auch die Nammer Bunker sollten  dieses Schicksal teilen. Die Bevölkerung war wie üblich angehalten, die Fenster zu öffnen, um den Bruch der Scheiben zu vermeiden. Es wurde aber nur ein Bunker im nördlichen Bereich  “ in die Luft gejagt“. Die Auswirkungen im nahen Umfeld waren verheerend; alle Bäume lagen flach. Möglicherweise hat man deshalb von weiteren Sprengungen Abstand genommen. Auf einem Luftbild vom 28.8.45 ist im Bereich des Nammer Munitionslagers eine große sternförmige freie Fläche zu erkennen.

Ich gehe davon aus, dass es sich um den durch die Sprengung entstandenen Kahlschlag handelt. Das im Zentrum befindliche Loch hatte eine enorme Tiefe, füllte sich mit Wasser und wurde danach über Jahre als Müllkippe genutzt, bis es schließlich im Zuge der Neuanlage völlig verschwand. Die Bunker stellten auch eigentlich keine militärische Gefahr mehr dar, im Gegenteil, in den Notzeiten mit knappen Wohnraum konnte man sie als Lagerraum und für andere zivile Zwecke nutzen. Das sahen auch wohl die Briten ein, die jetzt hier in ihrer Besatzungszone das Sagen hatten. Ich kann mich erinnern, dass wir in einem Bunker Äpfel zum Mosten abgeben haben. Diese wurden nicht an Ort und Stelle verarbeitet, sondern nur zwischengelagert.

Auf den Zufahrtswegen im Nammer Wald war Autoverkehr erlaubt. Die Wege waren allerdings ungeteert und voller Schlaglöcher und eher für LKW geeignet; ein PKW hatte in Nammen zu der Zeit sowieso Seltenheitswert. Das ehemalige Wachgebäude wurde von einem älteren Ehepaar bewohnt. Das Flachdachhaus war inzwischen dezent gelb angestrichen und in schwarzen Buchstaben prangte in kunstvoller Schrift der Name „Eichenhucke“ an der Eingangsseite.

Uns Kindern diente das Gelände als Abenteuerspielplatz. Im Löschteich lagen auf die Schnelle entsorgte Utensilien aus der Kriegszeit. Gasmasken waren noch die harmlosesten davon. Noch bis in die 60er Jahre fand man auf dem Gelände und im Umfeld Munition (Granaten), die von Spezialisten entfernt werden musste. Für die Erwachsenen waren die Baracken an der Kleinbahnlinie von größerem Interesse. Hier und auch in den Lagerhäusern am Mittellandkanal in Berenbusch versorgte man sich mit allerlei nützlichen Dingen in dieser Notzeit. Man konnte alles gebrauchen, selbst krumme Nägel, die man daheim wieder „gradekloppte“.

3. Nutzung durch die Bundeswehr

Die politische Situation änderte sich in den Nachkriegsjahren rasch. Aus Feinden wurden Freunde – jedenfalls im westlichen Teil Europas. Schon 1951 wurde der Bundesgrenzschutz etabliert; und am 5.5.1955 wurde durch den Pariser Vertrag die Aufstellung der Bundeswehr ermöglicht. Die ersten Freiwilligen erhielten am 12.11.55 ihre Ernennungsurkunden. Die ersten Wehrpflichtigen wurden am 1.4.55 eingezogen. Die Tage des frei zugänglichen Munitionsdepots waren gezählt, denn die Bundeswehr konnte es gebrauchen. Für eine nachhaltige  zivile Nutzung lag das Gelände verkehrstechnisch zu ungünstig, so dass diese schon vorher aufgegeben worden war. Ende der 50er Jahre wurde ein neuer Zaun gezogen, das Gebiet damit gesperrt, zusätzlich bewacht und wieder militärisch genutzt.

4. Zeitweise Aufgabe des Munitionslagers

Ende der 60er Jahre gab man das Gelände erneut auf. Für etliche Jahre war es für die Öffentlichkeit wieder frei zugänglich. Man baute sogar anschließend noch eine 6,50 m breite Teerstraße. Ich vermutete schon eine riesige Fehlplanung, aber es kam anders. Die Straße wurde tatsächlich gebraucht.

5. Die Neuanlage

1976/77 (nach meiner Erinnerung) rückte man dem Gelände mit schwerem Gerät auf den Leib, planierte und modellierte es vor allem im Norden völlig um und baute nach dem Komplettabriss der alten Bunker eine vergrößerte neue Anlage, deren Überbleibsel heute noch zu bewundern sind. Die Erweiterung fand vor allem im nördlichen Bereich statt; aber auch nach Süden (ca. 10 m) und geringfügig nach Osten und Westen wurde die Anlage vergrößert. Konnte man früher als Spaziergänger der alten Grubenbahntrasse folgen, musste man nun links den Hauptweg durch den Nammer Wald benutzen, um nach etwa 100 m rechts am Zaun entlang einem neuen Weg folgend wieder auf die ehemalige Bahntrasse zu gelangen. Diese Wegführung besteht noch heute. Das neue Wachgebäude und der Hauptzugang befanden sich in diesem südöstlichen Bereich. Ein weiterer Eingang existierte an der Nordostecke.

6. Das Ende

Mit dem Ende des Kalten Krieges und der deutschen Wiedervereinigung mit Verzicht auf noch bestehende Rechte der Alliierten in Berlin gibt es seit dem 3.10.90 wieder ein geeintes souveränes Deutschland. Angehörige, Anlagen, Standorte und Ausrüstung der ehemaligen Nationalen Volksarmee wurden teilweise von der Bundeswehr übernommen. Im August 92 begann man aufgrund der Vereinbarung des KSE Vertrages mit der Verschrottung eines Teiles des Großgerätes. Das Frühwarnsystem war überflüssig geworden, jedenfalls an den Orten, an denen es sich befand. Die mit hohem Kostenaufwand gebauten Anlagen ( in unserer Nähe auf dem Bückeberg und dem Hasselberg bei Goldbeck) wurden aufgegeben und demontiert. Die Überreste stehen nun als Zeugen des Kalten Krieges in der Landschaft und sind dem Verfall ausgesetzt. Die Natur holt sich zurück, was man ihr genommen hat. Es ist alles nur eine Frage der Zeit. Auch das so aufwändig neuerbaute Munitionslager im Nammer Wald wurde von der Bundeswehr Anfang der 90er Jahre aufgegeben. Einige Bunker und das Wachgebäude wurden abgerissen. Den Betonschrott füllte man in die noch bestehenden Bunker. Die Eingänge wurden bis auf wenige Ausnahmen vollständig zugeschüttet. Einige davon wurden mit Zugangsöffnungen versehen. Im Inneren mindestens zweier Bunker baute man Überwinterungshilfen und Unterschlupfmöglichkeiten – nicht nur für Fledermäuse. Manfred Busse war damals vor Ort und hat das Geschehen bildlich dokumentiert.

Aktuell werden die zum größten Teil noch vorhandenen geteerten Straßen von Spaziergängern genutzt und sind bei Gassi gehenden Hundebesitzern sehr beliebt. Auch für die Jagdpächter ergeben sich neue Perspektiven, denn das Jagdrevier im Nammer Wald ist jetzt wesentlich größer und attraktiver. Auch für Freaks militärischer Anlagen gibt es ein neues Betätigungsfeld. Man forscht nach verborgenen Geheimnissen und historisch relevanten Überbleibseln. Außer einigen Betonresten und Fundamenten gibt die Anlage aber nichts Spektakuläres her. Auch das Innere der neueren Bunker ist höchst uninteressant – vier kalte Betonwände umgeben einen zu 3/4  verfüllten Raum – Betondecke oben und Beton unter den Füßen.

dbahe

Literatur:

Kristan Kossak, Mindener Wehrmachtsverbände – Garnisonsentwicklung und Kriegseinsätze im Dritten Reich, Mindener Beiträge 29, hrsg. im Auftrage des Mindener Geschichtsvereins, Minden 2001

Brockhaus, Leipzig 2000

H. Kleinebenne, Die Weserlinie, Weserdruckerei Rolf Oesselmann, Stolzenau 1999

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