Das Nammer Lager

Von Dieter Bahe

Das Nammer Lager (in der Schriftenreihe „Frühe Burgen in Westfalen“ auch Nammer Burg genannt) ist mit einer Fläche von 25 ha ungewöhnlich groß. Im Zuge des Wiehen- und Wesergebirges gibt es mit der Dehmer Burg und der Wittekindsburg weitere vergleichbare Wallburgen in unmittelbarer Nähe. Auch die Babilonie bei Lübbecke sowie die Amelungsburg bei Hessisch Oldendorf lassen sich zeitlich wie zahlreiche andere Anlagen im Lipperland (Herlingsburg bei Schieder) und Teutoburger Wald (Hünenburg bei Bielefeld) diesen Bodendenkmälern zuordnen.

Das Nammer Lager wurde 1897 von dem Hausberger Arzt (Als Beruf wird in „Nammen, Geschichte und Geschichten eines Dorfes“ Apotheker angegeben.)  Dr. Braun entdeckt und 1903 in den „Ravensberger Blättern für Geschichte, Volks- und Heimatkunde“ von ihm erstmals beschrieben. In den Jahren 1903 – 1905 sowie zwischen 1935 und 1941 und 1943 fanden Ausgrabungen unter der Leitung von Prof. Langewiesche statt, der auch die Babilonie von 1905 – 1939 erforschte. Dort ist ein Weg nach ihm benannt und ein Gedenkstein zu seiner Erinnerung aufgestellt. 1983 fanden weitere Ausgrabungen im Bereich des östlichen Walles unter K. Günther (Westfälisches Amt für Bodendenkmalpflege) statt, da die älteren Funde zur Altersbestimmung nicht ausreichten. Mit Hilfe der Radiokarbonmethode (Verfahren zur Altersbestimmung von Gegenständen organischen Ursprungs, 1947 von W.F. Libby entwickelt), gelang es, das Alter der Wallanlage zu bestimmen. Der innere Wall wurde folglich  in der Zeit zwischen 300 und 100 vor Chr. erbaut, in einer Zeit, als unsere Gegend von den Kelten besiedelt war oder zu ihrem Machtbereich gehörte. Wiehen- und Wesergebirge markierten den nördlichsten Siedlungs- oder Einflussbereich dieses Volkes. Man befand sich also  im häufiger von Feinden bedrohten Grenzland und brauchte Verteidigungsanlagen oder Fliehburgen. Das Nammer Lager, das entsprechenden Anlagen der Kelten in Mittel- und Süddeutschland glich, war vermutlich eine davon.

Die Kelten siedelten vom heutigen Frankreich ausgehend ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. auf der Iberischen Halbinsel und in Großbritannien und Irland. In der La-Tène Zeit (5. Jh. v. Chr.) begann ihre große Ausdehnung in Richtung Norditalien, Norddeutschland, Siebenbürgen und Dalmatien. Sie beherrschten frühzeitig die Kunst der Herstellung und Verarbeitung von Eisen, was ihnen waffentechnisch und in der Landwirtschaft (eiserne Pflugschar) große Vorteile brachte. Das Vorkommen von Eisenerz und Holz zur Herstellung von Holzkohle in der Nähe ihrer Siedlungen war für sie sehr wichtig. Beides war in Nammen reichlich vorhanden. Das zerkleinerte Eisenerz wurde mit Holzkohle vermischt und erhitzt, um so das begehrte Metall herauszuschmelzen. Die Qualität des Eisens war nach heutigen Maßstäben minderwertig.  225 v. Chr. wurden die Kelten von den Römern in der Schlacht bei Telamon in Mittelitalien besiegt und an einem weiteren Vordringen in das Römische Reich gehindert. Im Gallischen Krieg 58 – 51 v. Chr.,  wurden die von den Römern Gallier genannten Kelten  an den Rand Nordwesteuropas zurückgedrängt.

In unserer Gegend wurden die Kelten mit der ersten Welle der Völkerwanderung im 2. Jh. v. Chr. von den von Norden einfallenden Germanen verdrängt. Möglich ist aber auch eine Vermischung beider Volksgruppen. Die weitere Nutzung der keltischen Burganlagen bleibt weitgehend im Dunkeln. Zumindest vom Nammer Lager weiß man inzwischen, dass es noch einmal erweitert wurde. Es lag strategisch günstig, denn von hier ließ sich das damals als Verkehrsweg wichtige Levernsiek kontrollieren. Hier befand sich der erste Gebirgsübergang östlich der Porta Westfalica  gleichzeitig wichtiger Teil des Frankfurter Weges, da  damals die Felsen des Jakobsberges bis an die Weser heranreichten und eine Passage mit Fuhrwerken nicht möglich war.

Der Erhaltungsgrad des Nammer Lagers ist heute ähnlich wie zur Zeit der Entdeckung. Der Baumbewuchs ist sicherlich ein anderer. Es hat zahlreiche Baumentwurzelungen durch Sturm gegeben, die im Gelände ihre Spuren hinterlassen haben. Einige Durchbrüche im Gefolge von Waldwegen hat man erweitert, besonders am Drostenweg hat man hier auf das Bodendenkmal wenig Rücksicht genommen. Auch forstwirtschaftliche Tätigkeiten haben ihre Spuren hinterlassen. Aktuell könnten auch Wildschweine durch ihren ausgeprägten Hang zum Durchwühlen des Bodens eine Gefährdung zumindest des inneren Walles darstellen. Die größten, teilweise irreparablen Veränderungen sind leider durch die ersten Ausgrabungen entstanden. Prof. Langewiesche hat z.B. im Bereich des Eingangs an der Nordwestecke so gründlich graben lassen,  dass nur noch einige Erdhaufen zu sehen sind und der ursprüngliche Zustand nicht zu rekonstruieren ist. Von der Grabung aus dem Jahr 1983 habe ich nicht die geringste Spur finden können. Inzwischen hat man die Grabungsmethoden deutlich verbessert und geht viel sensibler mit der Materie um. Vor allem hat man offensichtlich durch Zuschütten der Grabungsspuren den alten Zustand so gut wie möglich wiederhergestellt.

Die Anzahl der bisher gemachten Bodenfunde ist enttäuschend gering. Man hat die Funde aber zur Altersbestimmung mit heranziehen können. Außerdem konnte man durch die Grabungsergebnisse Art und Aufbau der Wallanlagen rekonstruieren. Die Anlage bestand aus zwei hintereinander liegenden Wällen, von denen der innere niedriger war. An seiner Vorderseite wurden dafür aber deutlichere Spuren von Holzpalisaden gefunden. An der Nordseite waren die in dichter Reihe angebrachten Pfosten mit Steinen fest verkeilt. An der Ostseite fand man lediglich im Abstand von 2,2m Standspuren von Holzpfosten, die vermutlich als Widerlager für eine Wand aus querliegenden Hölzern dienten. Die Art der Befestigung war den Bodenverhältnissen angepasst (erdiger Boden=Pfostenreihe, steiniger Boden= einzelne Pfosten im Abstand von 2,2m). Diese hintere Verteidigungslinie ist heute in der Landschaft kaum noch auszumachen. Etwa 20m davor befindet sich ein wesentlich höherer Wall mit allerdings weniger ausgeprägten Spuren von Holzpfosten im Boden. Die in diesem Bereich gefundenen Holzkohlereste lassen auf eine Errichtung  des Außenwalls zwischen 155 – 220 n. Chr. schließen. Er ist also deutlich später und nicht in der Keltenzeit gebaut worden, vermutlich weil die alte Anlage zu schwach und das Holz inzwischen marode war und man das Lager weiter nutzen wollte. Diese Neuanlage wurde aber nicht fertiggestellt, denn im Eingangsbereich fehlt der zweite Wall ebenso wie auf einer Strecke von 120m  im Tal östlich davon. An der Süd- und oberen Westseite sind keine Spuren mehr zu sehen, dies liegt vermutlich daran, dass sich hier lediglich Gestrüpp- oder Dornenhecken befunden haben, die längst verrottet sind. Der steinige Boden erschwerte zudem Erbewegungen ungemein. Im Süden bot die steilabfallende Klippenkante ausreichenden Schutz, und auch im Westen war das Gelände sehr steil und schwer zu begehen.

An der Ecke Drostenweg – Königsweg ist unter Mitwirkung des Heimatvereins Nammen im Jahre 2004 Eine Informationstafel mit Fotos von der letzten Ausgrabung und einem kurzen Text zur Geschichte des Nammer Lagers aufgestellt worden. Etwa 200m in westlicher Richtung am oberen Ende des Levernsieks befindet sich eine weitere Hinweistafel mit Kartenskizze und Text zur Geschichte dieses ehemals wichtigen Handelweges.

Nur an vier Stellen, nämlich im Bereich des Kammweges, am Durchbruch des Drostenweges und zweier Waldwege durch den Wall, ist dieser für den Wanderer zugänglich. Der weitaus größte Teil befindet sich abseits der Wege und ist von Büschen überwuchert. Gut zu erwandern ist die obere Westhälfte und die Südseite. Man folgt vom Drostenweg ausgehend einfach dem Kammweg.

Wenn man das Levernsiek hinaufgeht, ist bei aufmerksamer Betrachtung auf der linken Seite gegenüber dem Steinbruch ein Hohlweg zu sehen, der zum Eingang des Nammer Lagers an der Nordwestecke führt. Von hier aus habe ich am 15.4. 2010 einen Fotorundgang um das Nammer Lager entgegen dem Uhrzeigersinn unternommen (Fotos siehe Benutzergalerie). Das Gelände ist überwiegend sehr unwegsam und für einen Spaziergang nicht geeignet. Gemütlicher lassen sich Teile des Bodendenkmals von den beschriebenen Wegen aus in Augenschein nehmen.

Mit meinen Fotos möchte ich den Zustand und den Verlauf des Nammer Lagers dokumentieren und Interessierten Hilfen zum Auffinden und Erkunden dieser historischen Stätte geben.

 

Literatur

Frühe Burgen in Westfalen, Heft 9,10 und 12, Hrsg. Altertumskommission für Westfalen im Provinzialinstitut für westfälische Landes- und Volksforschung, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Rotenburg 30, 4400 Münster  !986/!990/1997

Die Kelten, Duncan Norton-Taylor, TIME-LIFE-Books, New York 1978

Nammen – Geschichte und Geschichten eines Dorfes, Hrsg. Heimatverein Nammen, Porta Westfalica 2002

Ein Gedanke zu „Das Nammer Lager“

  1. Sehr geehrter Herr Bahe,

    habe Ihren Beitrag zum Nammer Lager gern gelesen und mir auch Ihre Fotos aufmerksam angesehen.
    Bin am Samstag mit einigen Mitgliedern des FAN (Freundeskreis für Archäologie in Niedersachsen e.V.) auf der Burg gewesen und würde Sie gern einmal telefonisch kontaktieren. Meine Tel.Nr. ist 05042-1380. Unsere Homepage: http://www.fan-niedersachsen.de.
    Beste Grüße aus Bad Münder, Wilhelm Dräger

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