Historische Grenzsteine von 1785 und 1858

Die Grenzsteine des Königlichen Forsts (KF)

Im Jahre 1858 kam es zur Aufteilung der Markenwälder zwischen dem Fiskus und den Nammer Berechtigten. Von den Königlichen Forsten (Fiskus) wurden ca. 11 % abgetreten. In Folge davon wurden Grenzsteine gesetzt, die zum Teil noch heute erhalten sind. Erst vor wenigen Jahren wurden einige davon nochmal deutlich markiert, um sie leichter aufzufinden. Diese Markierungen befinden sich vermehrt oberhalb des Strahn. Trotz intensiven Suchens, habe ich die Steine nicht lückenlos auffinden und dokumentieren können. Einige scheinen zu fehlen, so oberhalb der Strahnsiedlung an der Stelle, an der sich früher ein kleiner Steinbruch befunden hat. Auch oberhalb des Glaubenshauses gibt es Lücken. Im Westen trägt der letzte aufgefundene Stein die Nr. 127. Er ist umgestoßen und befindet sich nicht mehr an seinem ursprünglichen Standort. Seine Maße betragen: Höhe 60 cm, Breite unten 37 cm und oben 31 cm bei einer oberen Tiefe von 23 cm. Die Steine sind aus oben abgerundetem Sandstein und
tragen an einer Seite die Buchstaben KF (Königlicher Forst). Sie waren ursprünglich ca. 25 cm in den Boden  eingegraben, inzwischen ragen sie teilweise nur noch wenige Zentimeter aus diesem hervor. An einigen durch Straßenbau oder Steinbrüche (Steinbruch Kohlmeier) verursachten Änderungen des Bodens fehlen die Steine gänzlich oder sind durch neue ersetzt worden. Die Markierungen setzen sich in Richtung der Nachbargemeinden fort. Bei
der Kartierung habe ich mich aber vorwiegend auf meinen Heimatbereich oberhalb der Strahnsiedlung konzentriert. Im übrigen Grenzbereich sind seltener Markierungen zu finden. Die unmarkierten Steine sind allerdings schwer zu orten. Diese stehen im Osten bis zur Gemarkung Wülpke und den Wülpker Schnedden 1). Hier habe ich auch einige markierte Steine im Bereich der einstelligen Nummern gefunden. So z.B. die Nummern 7, 8 und 9. Bei den
ersten sechs hat man es sich einfach gemacht und die vom Dompropst 1785 gesetzten Grenzsteine umfunktioniert. Die von mir vermutete Nr. 1 befindet sich auf dem Kamm hart an der westlichen Grenze der ehemaligen Müllkippe. Im Westen dürfte am Levernsiek Schluss sein dort verläuft die Gemeindegrenze Richtung Kammlinie. Hier beginnen die Lerbecker Schnedden 1). 

Hans Kampmann stellt zur Aufteilung der Markenwälder fest: “Es hätte in den Nammer Forsten auch anders kommen können; denn, wenn die Hudeberechtigten mit ihrer Vorstellung, daß auch der gesamte Grund und Boden des fiskalischen Waldes ihnen gehöre, gerichtlich durchgekommen wären, gäbe es heute kein
Nammer Holz mehr. … und aus dem Nammer Berg wären unwirtschaftliche Schnedden geworden, so wie es im angrenzenden Lerbecker- und Wülpker Berg geschehen ist.” 2) Dem hat man heute entgegengewirkt indem man sich 1987 zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen hat und die kleinen Waldanteile gemeinschaftlich bewirtschaften lässt. Bei Betrachtung der Nachbargemarkungen fällt allerdings auf, dass dort die Waldgebiete in weitaus größerem Umfang in Privatbesitz sind. Man kann beinahe von 100 % sprechen. Dagegen klingen die etwa 11 % die Nammen an den Markenwäldern erhielt recht bescheiden. Diese Zahlen mögen sich relativieren, wenn man bedenkt, dass das zu verteilende Waldgebiet bei uns wesentlich größer war als z.B. in Lerbeck, Meißen oder Neesen. Außerdem musste für die erhaltenen Flächen andernorts Erbpacht bezahlt werden, nicht so in Nammen. Dennoch drängt sich der Verdacht auf, dass die Nammer bei dem Rezeß schlechter dabei weggekommen sind als die meisten anderen Gemeinden. Als negativ muss man leider auch folgenden sozialen Aspekt der Teilung sehen, die Reichen wurden noch reicher und die Armen ärmer, und zwar so arm, dass viele nur einen Ausweg in der Auswanderung
nach Amerika sahen.

Die Grenzsteine des Domkapitels (DP)

Eine Besonderheit stellen die im Westteil der Wülpker Egge aufzufindenden Grenzsteine mit der Aufschrift DP 1785 dar. Sie grenzen den Waldanteil ein, der früher dem Domkapitel in Minden gehörte. Dieser Bereich hat auch heute noch im Volksmund den Namen Dompropst. Die Steine sind wesentlich größer und beeindruckender als die vom Königlichen Forst. Wollte man damit seinen Wohlstand zeigen oder ging es nur um eine unübersehbare  Demonstration der Grenze? Die Frage ist auch, wieso gehörten hier den Mindener Domherren Waldanteile. Hierzu lohnt ein Blick in die Geschichte. Bis zum Westfälischen Frieden war das Domkapitel in Minden der eigentliche Landesherr. An seiner Spitze stand der Dompropst. Man hatte Rechte in Nammen und in Wülpke und in vielen anderen Dörfern des Machtbereichs. In Nammen hatte man im Jahre 1400 den Zehnten für eine Summe von 200 Gulden erworben. Es gehörten außerdem 2 eigenbehörige Stätten mit 45 Morgen Land zum Kapitel. Diese Stätten wurden von Leibeigenen oder Eigenbehörigen bewirtschaftet, die zinspflichtig waren. In Wülpke befand sich sogar der Haupthof einer Villikation (eine Art Verwaltung) des Propsteigutes. Dazu gehörten auch 4 Hufen Land im Bereich
Nammens. Man hatte zudem das Recht auf Holzlieferungen aus dem Wülpker Berg. Ab 1648 gehörte Minden zwar zu Brandenburg, blieb als Fürstentum aber bestehen. Regiert wurde man vom Großen Kurfürsten der nun auch Fürst von Minden war. Die Besitzverhältnisse des Domkapitels änderten sich ebenfallsim Laufe der Geschichte, teils durch Gebietstausch, Verkauf oder Kauf von Land oder anderen Besitzungen. 1785 hat man wohl seine Rechte am Wülpker Berg wahrscheinlich unter Zuzahlung einer bestimmten Summe in Waldbesitz umgemünzt. Bis zur Aufhebung des Domkapitels im Jahre 1810 kam es aber immer wieder zu Streitigkeiten um Besitzverhältnisse zwischen der preußischen Regierung und den Domherren.
Am Sigwardsweg, der durch das ehemalige Besitztum des Mindener Domkapitels führt, weist eine Informationstafel auf die historischen Steine hin. Hier ist von Jagensteinen die Rede. Jagen sind meist streifenförmige Waldgebiete, die in der Regel durch Schneisen voneinander abgegrenzt sind. Um aber seinen Besitz deutlicher zu markieren, hat man auf die Grenzsteine nicht verzichtet. Diese mussten schwer und gut im Boden verankert sein, denn es war bei unseren Vorfahren ein beliebtes Spiel, die Steine bei Nacht und Nebel zu Ungunsten des Nachbarn zu versetzen. Man führte deshalb schon damals Schnatgänge durch, um dem Nachwuchs im wahrsten Sinne des Wortes den Verlauf der Grenze einzubläuen. Heute muss man nicht befürchten, bei so einer Veranstaltung an einem Grenzstein geohrfeigt zu werden, nur damit man sich die Stelle gut merkt.

1) Ich folge bei der Schreibweise H. Kampmann. In Nammen sagt man eher “Schnette”. Das Wort kommt von schneiden und bezeichnet einen Abschnitt von einem Stück Wald. Möglich wäre auch die Deutung, dass man dort zum Eigenbedarf Holz schneiden konnte.

2) Hans Kampmann, Im Streit um Grund und Boden, S. 123

Literatur

  1. Im Streit um Grund und Boden, Hans Kampmann, Hrsg.: Stadtsparkasse Porta Westfalica 1996
  2. Topographische Karte von 1967
  3. Der Grundbesitz des Mindener Domkapitels, Wilfried Dammeyer, J.C.C. Bruns Verlag Minden 1957