Die Chronisten der Chronik

von Nammen von 1840 – eine Einschätzung aus heutiger Sicht

1. Lehrer Hedinger

Der Auftrag für das Dorf Nammen eine Chronik zu schreiben, wurde Lehrer Hedinger von dem Verwaltungsbeamten von Mey ( ab 1844 Amtmann zu Hausberge) erteilt. Hedinger verfasste mit Hilfe des alten Ortsvorstehers Faber eine Art Rückblick auf die wichtigsten Geschehnisse der vergangenen Jahrhunderte bis 1800 in unserem Dorf und im nahen Europa mit Schwerpunkt auf Ereignisse Preußen betreffend und aus preußischer Sicht. Dieser Teil umfasst 15 Seiten. Das Vorgehen ist nicht chronologisch und wenig systematisch. Die Zahlenangaben und andere Informationen sind mit Vorsicht zu genießen, da sie größtenteils auf mündlichen Überlieferungen basieren. Dennoch ermöglichen seine Aufzeichnungen einen Einblick in das damalige dörfliche Leben. Sie enthalten unter anderem Angaben zu Gebühren für Leistungen des Pfarrers oder des Lehrers, zu Getreidepreisen, und zur Gerechtsame (Bezeichnung für vererbliche und veräußerliche Nutzungsrechte an Grundstücken). Besonders interessant ist die genaue Aufstellung der Familien (137 an der Zahl) zumeist mit ihren Namen und der Anzahl der zugehörigen Gebäude (157), sowie der Einwohnerzahl (717) für das Jahr 1840. Diese Auflistung steht auf Seite 3 und ist noch mal ausführlicher in Tabellenform zwischen den Seiten 4 und 5 abgedruckt. Eigentlich hätte sie als eine Art Bestandsaufnahme an das Ende des II. Teils gehört.
Dieser ist etwas systematischer und beschreibt die Zeit von 1800 bis 1840 (S.17 –68). Da dies wieder vorwiegend aus dem Gedächtnis geschieht, sind auch hier Abstriche an der Genauigkeit der Informationen zu machen. Es gibt ein umfangreiches Inhaltsverzeichnis, das einem das Nachschlagen und die Verwendung für historische Nachforschungen erleichtert. Hier nimmt das Werk schon die Form einer Chronik an, denn die einzelnen Abschnitte sind nach Jahreszahlen geordnet, zunächst im Block für 1800 – 1806, dann 1806 – 1813 und 1813 – 1818 und schließlich – angefangen 1819 –für jedes Jahr einzeln. Allerdings mischen sich auch hier Berichte von internationaler Bedeutung (Napoleon errichtet ein neues Königreich) mit banalen Lokalnachrichten (Ernte der Zwetschgen). Wir erhalten Informationen zu den Anfängen von Bad Nammen (S 50), vom Kalkofenbau (S. 35), dem Beginn des Baus der neuen Chaussee von der „Preuß. Kluß“ über Kleinenbremen nach Rinteln im Jahre1835, ja sogar über erste Versuche, 1835 und 1836 im Nammer Wald Kohlegruben anzulegen (S 59 und 61). Man wünscht sich, Hedinger wäre an diesen Stellen mehr ins Detail gegangen. Statt dessen berichtet er über das jährliche Wetter und das rückblickend von 1840 ausgehend bis 1800, geschichtliche Ereignisse aus der Sicht eines pathetischen preußischen Untertan und die „Moralität des Dorfes“ , eines seiner Lieblingsthemen. So schrieb er 1839 „In diesem Jahre errichtete der Herr Pastor Schwerdtmann hier einen Mäßigungsverein. Es wäre zu wünschen, wenn dieser hier mehr Wurzel fasste, … Mit Recht kann man wohl sagen, dass dieser Verein noch hier wenig Nutzen gebracht hat.“ (S. 67) Man muss dazu bemerken, dass das Dorf Nammen nicht zu den mit Reichtum gesegneten Orten gehörte. Nach heutigem Verständnis war ein Großteil der Bevölkerung bitterarm und hatte in schlechten Jahren kaum genug zum Essen. Was sollte dann ein Mäßigungsverein, der die Völlerei bekämpfen sollte? Zuverlässiger aber weitschweifig, moralinsauer und wie gehabt obrigkeitshörig sind die Berichte für das Jahr 1840, das einzige Jahr, in dem er die Chronik für die gegenwärtigen Ereignisse schrieb. Sie sind gespickt mit Huldigungen für König Friedrich Wilhelm IV., der die Nachfolge des in diesem Jahr verstorbenen Friedrich Wilhelm III. antrat. Sechs von insgesamt 10 Seiten enthalten patriotische Gedichte von erschreckendem Pathos sowie Auszüge aus Reden und Berichte von Huldigungsfesten und Gedächtnispredigten. Ohne diese damals notwendigen Lobesbekundungen für das Königshaus (sonst wäre Amtmann Mey eingeschritten wie später bei Randt), hätte sich Hedinger eine Menge Arbeit sparen können. Man hat bei ihm aber den Eindruck, dass er mit ganzem Herzen Preuße war und der Obrigkeit kritiklos gegenüberstand. Die entsprechenden Passagen flossen ihm offensichtlich leicht aus der Feder. Der Untertanengeist war fester Bestandteil seiner Person. Eine weitere Seite widmete er der Selbstdarstellung und vergaß auch nicht zu erwähnen, dass seine Mutter der Gemeinde zu Weihnachten 1840 einen Klingelbeutel schenkte. Selbstdarstellerische Tendenzen waren auch bei früheren Aufzeichnungen zu erkennen, aber diesmal übertrieb er es, weil er vor allem die Nammer Bevölkerung und insbesondere die Jugend dabei sehr schlecht aussehen ließ.
Naiv ehrlich mit einer gehörigen Portion Selbstmitleid berichtete er z.B. ausführlich über seine Schwierigkeiten mit der Dorfjugend, die sich in seinen Augen der Völlerei und Sauferei hingab. Bei dem Versuch, diese Jugend zu erziehen, flog auch schon mal ein beinahe 3 Pfund schwerer Stein Richtung Hedinger. So einfach war das mit der Erziehung schon damals nicht, vor allem wenn man mit wenig Fingerspitzengefühl ständig den Moralapostel spielen wollte. Der arme Hedinger wurde von der „Königl. Hochlöblichen Regierung“ aufgefordert, einen genauen Bericht über die „Sittenlosigkeit der Nammer Jugend“ zu schreiben, wahrscheinlich eine seiner letzten Tätigkeiten in Nammen. In der Chronik ist auf Seite 95 vom Vorsteher Böhne allerdings ohne Zeitangabe vermerkt, dass Randt der Nachfolger Hedingers wurde.

2. Lehrer Randt

Ab 1841 bis Ende 1843 übernahm Lehrer Randt die Führung der Chronik. Sein Schreibstil ist nüchtern und auf das Wesentliche beschränkt, die Aufteilung übersichtlich und der Umfang gering (3 Seiten pro Kalenderjahr). Er bevorzugt kurze Sätze ohne große Abwechslung im Satzbau. Häufig schreibt er im Telegrammstil. Aus heutiger Sicht sind die Aufzeichnungen wenig aussagekräftig aber auch sympathisch, da die bei Hedinger und auch Böhne unverzichtbaren Lobeshymnen an die Obrigkeit fehlen. Dies bemerkte auch der Verwaltungsbeamte v. Mey (an einigen Stellen auch May geschrieben) . Schon für das Jahr 1842 schrieb dieser einen Nachtrag. Randt hatte vergessen zu berichten, dass die Nammer in diesem Jahr zweimal das Glück hatten, den Landesvater und die Landesmutter zu sehen bzw. zu begrüßen, allerdings nicht im Dorfe selbst, sondern auf dem kleinen Domhof in Minden und bei der Durchreise zwischen der Grille und der Preußischen Klus. Auch für 1843 gab es einen Nachtrag die Einführung der „Landgemeinden-Ordnung“ und die Wahl und Einführung der „Gemeinde-Verordneten“ für Nammen betreffend. Zudem hatte Randt die Beförderung v. Meys zum Amtmann nicht erwähnt. Dieser Fauxpas führte vermutlich zu seiner vorläufigen Absetzung als Chronist.

3. Vorsteher Böhne

Diese Aufgabe fiel 1844 an Vorsteher Böhne , der dazu folgende Bemerkung machte:
Weshalb nun dieselbe (Chronik)1 an den erwähnten Vorsteher zu weitern Führung gekommen, dabei wollen wir aus der kurtzen Zeit wegen nicht verweilen“. (S.95) Seine Schreibweise enthält die meisten Abweichungen zur uns heute gewohnten Rechtschreibung und Grammatik. Man kann aber nicht sagen, dass er besonders fehlerhaft schrieb. Eine einheitliche Orthographie gab es erst ab 1880 initiiert durch Konrad Duden. Zwar ist seine Ausdrucksweise manchmal umständlich und nicht ganz so nüchtern wie die Randts aber sie ist auch nicht so ausschweifend wie die von Hedinger. Diesen kritisierte er 1844 ohne ihn namentlich zu nennen:“… dennoch scheint es von den Schriftsteller ein Mißgrif zu sein, um solch drey Schwärmende Hausväter ein ganzes Dorf zu Rügen.“ (S.100) Hedinger hatte dies 1840 getan, indem er beschrieb, dass die Sittenlosigkeit in den Jahren 1838 und 1839 den „höchsten Grad“ erreichte. Er nannte sogar die Namen der 3 „Hauswirthe“ und stellte sie somit förmlich an den Pranger (S.82). Die Art der Berichterstattung darüber gefiel Böhne offenbar gar nicht. Er war bemüht, auftretende Probleme nicht an die große Glocke zu hängen, um das Ansehen Nammens nicht zu schmälern. Beim sittlichen Verhalten sah er deutliche Verbesserungen in ökonomischer Hinsicht allerdings Verluste (Einschränkung der Hude). (S.100) Wir erfahren von ihm viel über die Preise für Holz und landwirtschaftliche Erzeugnisse sowie über das Wetter. Man merkt, dass die Landwirtschaft und ihre Interessen seine Welt waren. Böhne war Vorsteher bis 1849 schrieb dann aber als „Colon“ (Erbzins-bauer) die Chronik weiter bis 1850 . In der Auflistung von Hedinger von 1840 wird Böhne, Haus Nr. 5 als königlicher Meier (Besitzer eines Erbpachthofes) geführt, eine für Nammen hervorragende Stellung: Es gab insgesamt nur 3 weitere Meier und einen freien Hof (Sacks, Haus Nr. 47). Mit der Wahl von Krumme 1850 als Ortsvorsteher war eine neue Situation entstanden. Der Name kommt in der Liste der Familien von 1840 nicht vor. Es wird nur bei Haus Nr. 11 ein Krumer erwähnt mit dem Stand eines Kötters. Der Name ist mit einem Fragezeichen versehen. In einer anderen Liste (S. 9) wird unter Nr. 11 ein „Kruhmen“ oder auch „Kruhme“ aufgeführt, der dem Lehrer für den Kapellendienst jährlich 1/3 Himten Roggen zahlen muss.
Krumme, dem jetzt nach der Einführung der Gemeindeordnung vom 11. 3. 1850 die Weiterführung der Chronik aufgetragen wurde, ließ das Buch 2 ½ Jahre liegen und machte keinerlei Aufzeichnungen. Amtmann Mey übergab daraufhin am 7. Juni 1853 Böhne wieder die Führung der Chronik (S.143), die dieser rückwirkend für die Jahre 1851 und 1852 versah. Leider stellte er dabei seine eigenen Ansichten in den Vordergrund und nutzte seine Position als Schreiber zu bissiger Kritik. Böhne warf den Schullehrern vor, sich „in die Angelegenheiten der Gemeinde zu mischen, und auch wo möglich die Einigkeit zwischen der Gemeinde und den Behörden zu spalten oder vielmehr durch verkehrte Auffassung oder schlechten Rath das Vertrauen zwischen beide in Mißlichen einklang —“. Es kam zu einem Eklat. Gläsker bemerkt dazu: „Chronik bricht hier ab. Nächste Seite wurde entfernt.“ (S. 145)

4. Randt und Böhne in „einträchtigem“ Wechsel

Die Chronik für 1852 wurde von Lehrer Randt nach Streichen der von Böhne verfassten Seiten neu geschrieben (Umfang nur eine knappe Seite bzw. 6 magere Zeilen). Die Streichung war offensichtlich vom Gemeinderat bewilligt worden. „Gemeinderath und Lehrer fühlten sich getroffen […] und durchstrichen obiges“ heißt es auf Seite 264 des Originals. Randt arbeitete an der Chronik weiter bis 1854.
War der Krach mit Böhne beigelegt? In den folgenden Jahren wechselte die Chronistenrolle ständig zwischen beiden Kontrahenten. Man kommt aber eher zu der Auffassung, der eine versuchte dem anderen den Schwarzen Peter der Schreibarbeit zuzuspielen, um dann, wenn er ihn abgegeben hatte, daran herumzumäkeln.
1855, 1857 und 1858 schrieb Böhne, 1856, 1859 und 1860 wieder Randt, der sich prompt bei der Beglaubigung durch den Gemeinderat Ende 1856 eine Anmerkung von Colon Böhne gefallen lassen musste: “In § 5 hat der Schriftführer den allgemeinen Frieden der Gemeinde in etwas Gerügt, dabei ist aber derselbe etwas übersehend über die Wirkliche Eintracht hinweggegangen, den walte Gott es Lebten alle Gemeinden so Friedsam und einverständig wie die unsrige.“ Wenn man § 5 liest, kann man die Kritik nicht nachvollziehen. Im Gegensatz zu Hedinger drückte sich Randt sehr vorsichtig aus und strich sogar den Passus, der geringfügige Kritik am moralischen Zustand des Dorfes enthielt. Bezeichnenderweise schrieb im nächsten Jahr wieder Böhne an der Chronik. War also doch nicht alles so „Friedsam“? 1859 konnte Randt die Arbeit etwas gelassener angehen, denn „Colon“ Böhne war nicht mehr im Gemeinderat, der jedes Jahr die Aufzeichnungen für wahr zu befinden hatte und dies durch Unterschrift der einzelnen Mitglieder bestätigte. Die Eintragungen sind wie schon vorher sehr kurz und wenig informativ. Immerhin erfahren wir, dass Nammen „in diesem Jahre an Häusern die Nummer 104 erreicht hat“.

5. Fazit

Die Art und Weise, wie Randt vor allem in den letzten Jahren die Chronik führte, zeugt nicht von großer Lust am Schreiben. Man kann diese Haltung verstehen, denn wer lässt sich schon gern permanent in seine Arbeit hineinreden und Verbesserungsvorschläge gefallen. Schon Hedinger hatte sich mehrfach beklagt, welch große Mühe ihm die Arbeit bereitete: “Auch der zweite Theil hat durch die Herbeischaffung der vielen Data Mühe genug gemacht“ (S.20). Bezeichnend ist auch, dass sich außer Böhne kein anderer Ortsvorsteher bereit fand, die Schreibarbeit zu übernehmen und dieser sogar als er nicht mehr Vorsteher war in die Pflicht genommen wurde. Vielleicht war er der einzige, der im Schreiben einigermaßen sicher war und dem dies Spaß machte, weil er seine Meinung einbringen konnte. Aber dies sind Spekulationen.
1861 wurde die Arbeit nicht weitergeführt. Die Themen waren ausgereizt. Man drehte sich im Kreise. Es gab nicht wirklich viel Neues. Zudem war die Chronik zumindest von Hedinger und Böhne instrumentarisiert worden. Hedinger wollte sie benutzen, um die Moral der Nammer zu bessern, Böhne sah in ihr ein Instrument politischer Einflussnahme – schlechte Voraussetzungen für eine objektive Berichterstattung. Die Bevölkerungsstatistik (Geburten und Sterbefälle) wurde sicherlich weitergeführt – schon Hedinger hatte sich bei seinen Angaben aus der Zeit vor 1840 des Kapellenbuches bedient (S. 25) – und später durch Standesbeamte perfektioniert. Dazu bedurfte es keiner Chronik. Außerdem wurden die wichtigen politischen Geschehnisse anderweitig besser und umfangreicher aufgezeichnet.
So wurde die Chronik von Nammen nur 20 Jahre von drei verschiedenen Chronisten geführt, die von Amtmann Mey kontrolliert wurden. Sie blieb 130 Jahre unbeachtet und wurde 1990 von Wolfgang Gläsker, ebenfalls Lehrer zu Nammen und später Konrektor der Hauptschule Lerbeck, an der auch ich von 1977 – 1987 hauptsächlich Nammer Schüler/innen unterrichtet habe, aufbereitet und einem größeren Publikumskreis zugänglich gemacht.

1 Anmerkung des Verfassers

Nammen 2012
Dieter Bahe