Das Unternammerholz im Wandel der Zeit

Im Ortsteil Nammen gibt es zwei Naturschutzgebiete. Während die Nammer Klippen schon 1942 in der Liste der ausgewiesenen Gebiete der Bezirksregierung Detmold erschienen, erfolgte die Aufnahme des Unternammerholzes -im Folgenden aus Gründen der Vereinfachung von mir als Nammer Wald bezeichnet – erst ca. 2014. In der 2015 aktualisierten Liste ist es enthalten. Man bekommt durch Anklicken im Internetportal der Bezirksregierung im Gegensatz zu anderen Naturschutzgebieten älteren Datums aber keine näheren Informationen. Im Landschaftsplan “Porta Westfalica” ist es unter der Nummer N 18 gelistet. Die Größe wird mit ca. 85 ha angegeben; ein Großteil davon wurde als FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat) ausgwiesen. Als besonders schützens- und fördernswert werden die naturnahen Quellen und Bäche, die Teiche mit Schilfzonen und die natürliche Artenvielfalt gefährdeter Tier- und Pflanzenarten angesehen. Bei letzteren sind dies vor allem die Orchideen. Der Baumbestand wird auf ein Alter zwischen 50 und 120 Jahre geschätzt mit geringen Altholzbeständen. Vorwiegend sind dies Eichen, Hainbuchen, Buchen, Eschen, Erlen, Bergahorn und Rüster. Letztere wurden aber vor Jahren von einer Krankheit befallen und mussten stark dezimiert werden.

Schon 2002 wurden vom Forstamt Minden Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen vorgestellt. 2016 wurden umfangreiche Renaturierungsmaßnahmen an einigen Fließgewässern durchgeführt. Vorher war schon die sogenannte Schwefelquelle, die bis dahin verrohrt war, wieder freigelegt und das ehemalige Ackergebiet dort aufgeforstet worden. Auch im Westen auf Lerbecker Gemeindegebiet, südlich des Naturdenkmals “dicke Eiche” und östlich wurde das Waldgebiet erweitert. Dies geschah teilweise als Ausgleichsmaßnahme für dem Wald verlorengegangene Verkehrsflächen wie z.B. den Fahrradweg entlang der Rintelner Straße.

Historischer Rückblick

Ende des 18. Jahrhunderts kam es vermehrt zu Streitigkeiten zwischen dem Forstfiskus und den Nammer Bauern wegen der Nutzung des Nammer Holzes. Aus den Unterlagen, die auf Grund dieser Auseinandersetzungen angelegt wurden, erfahren wir, dass das damalige Waldgebiet 487 Morgen groß war und ein Großteil aus Hochwald mit über 200 jährigen Eichen bestand. 51 Morgen waren vergraste Blößen, die nicht mit Bäumen bewachsen waren. Hier legte das Forstamt vermehrt Mergelgruben an und verkaufte das daraus gewonnene Material. Dieses schmälerte wiederum die Fläche, die zur Beweidung übrig blieb. Für einen Obulus von 150 Reichstalern- jährlich zu zahlen an die Königliche Kasse- hatten die alteingesessenen Nammer das Recht, ihr Vieh in vorher festgelegter Stückzahl zur Beweidung in den Wald zu treiben. Zusammen mit dem Nammer Berg und der Haarbünte betrug das Waldgebiet für das eine Weideberechtigung bestand 1130 Morgen. Die Nammer Bauern hatten die Fläche mit 1400 Morgen angegeben.

ie Auseinandersetzungen zogen sich über Jahrzehnte hin und endeten 1858 mit einem Vergleich, auf den später noch eingegangen wird. Aus den unterschiedlichen Positionen, die von den Kontrahenten bezogen wurden, erfahren wir weitere Details über die Beschaffenheit des Waldes. Nach Angaben des Forstamtes war er in einem desolaten Zustand und kaum mehr zu bewirtschaften. Junge Bäume hatten keine Chance zu gedeihen, da sie vom Vieh abgefressen wurden. Man fürchtete um den Bestand des Waldes in der Zukunft. Die hudeberechtigten Nammer sahen das anders. Für sie gab es zu viele Schonungen die durch mächtige Dornenhecken geschützt waren. Diese Dornen hatte man immer bekämpft, schränkten sie doch die Weidefläche ein. Außerdem verlangte man mehr grasbewachsene Bleichen.

Im Vergleich zur heutigen Situation schätze ich den damaligen Wald als wesentlich ökologischer, naturnaher und interessanter ein, vor allem wegen der größeren Ausdehnung. Ich denke da auch an die sich früher anschließenden Flächen im Westen, denn außer Nammen hatten auch Lerbeck, Meißen und Dankersen ein Waldgebiet von nicht unerheblicher Größe. Während der Wald bei unseren Nachbargemeinden fast zu 100 % verschwand, blieb er in Nammen zu einem großen Teil erhalten. Entscheidend war wohl, dass die Nammer im Gegensatz zu den oben genannten Gemeinden mit ihrem Anspruch, die Waldgebiete gehörten ihnen, vor Gericht nicht durchkamen. Die beanspruchte Fläche war einfach zu groß. Nachdem die Witwe des Landrats von Arnim, die auch Rechte am Nammer Holz besaß, 1832 großzügig abgefunden worden war, strebten die Nammer Hudeberechtigten ähnliches an. Man verlangte 400 Morgen des bewaldeten Landes, bekam aber letzten Endes nur ca. 125 zugesprochen. Diese Abtretungsflächen wurden gerodet und später an die Anspruchsberechtigten verteilt. Die gefällten Bäume blieben Eigentum des Fiskus. In dessen Besitz ging die übrige Fläche von ca. 963 Morgen über, die Haarbünte, den Nammer Berg und die öffentlichen Wirtschaftswege eingerechnet. Sie war frei von jeglichen Rechtsansprüchen Dritter. Es wurde den Nammern lediglich das Recht zugebilligt, an bestimmten Stellen Röthekuhlen, Lehmkuhlen und Steinbrüche zur Deckung des Eigenbedarfs anzulegen. Es entfiel für sie ferner die Verpflichtung im Forste Dienste zu leisten und an die Königliche Kasse Gebühren zu zahlen. Im Januar 1858 konnte man endlich dazu übergehen, die im Streit erworbenen Flächen an die 58 Berechtigten zu verteilen. Die Haarbünte und ein Teil des südlichen Nammer Waldes hörten auf zu bestehen bzw. wurden unter den Pflug genommen. Wie groß der Nammer Wald nun war, lässt sich aus den Zahlen nicht ermitteln, da darin auch die Flächen im Nammer Berg eingeschlossen waren, für die die Nammer eine Weideberechtigung hatten.

In den folgenden mehr als 150 Jahren konnte sich der Baumbestand nach forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten entwickeln. Einschränkungen gab es durch den Ausbau von Straßen und Wirtschaftswegen. Sogar zwei Eisenbahntrassen wurden angelegt und schmälerten das Waldgebiet. In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde schließlich auch noch ein großer Teil für das Militär beschlagnahmt und mit Bunkern zur Lagerung von Munition versehen. Am ehemaligen Haltepunkt Bad Nammen gab es Abstellgleise und Güterschuppen. Es führte ein Gleis von der Kleinbahstrecke abzweigend zum Eingang des Munitionslagers. Das Waldgebiet im Dreieck zwischen Rintelner Straße, ehemaliger Grubenbahntrasse und der Zufahrtsstraße zu den Bunkern war weitgehend abgeholzt. Diese Anlagen wurden ausgehend von den 50 ern zwar abgerissen bzw. zurückgebaut, aber die Bunker wurden von der Bundeswehr weiter benutztund der Bereich wieder eingezäunt. Jahre später zog sich das Militär zurück. Der Zaun verfiel und man konnte das Gebiet betreten und den Bestand an 200 jährigen Eichen bewundern. Dieser Zustand dauerte nicht lange. In den 70 ern wurden die alten Bunker abgerissen und neue gebaut. Hierbei setzte man Planierraupen ein und modellierte die Landschaft um, ohne groß auf den Baumbestand Rücksicht zu nehmen. Es wurden noch mehr Bunker und Nebengebäude mit einem umfangreichen Straßensystem gebaut. Auch die erheblich verbreiterte Zufahrtsstraße von der Rintelner Straße ausgehend war natürlich geteert. Vor der Umzäunung befand sich ein ca. 8 m breiter gerodeter Streifen, der noch heute zu erkennen ist, nachdem die Bunkeranlage nach der Wende überflüssig war und aufgegeben wurde. Einige Gebäude wurden abgerissen und der Bauschutt in die Bunker verbracht. Bei letzteren schüttete man die Eingänge zu und ließ nur bei einigen kleine Öffnungen für Fledermäuse und andere Tiere frei.

Auch zwei Hochspannungsleitungen führten durch den Nammer Wald und auch durch den Berg. Die ältere relativ unscheinbare mit vielleicht 8 m hohen Betonmasten befand sich im äußersten Westen des Waldgebietes und ist inzwischen verschwunden. In den 50 ern im vorigen Jahrhundert entstand eine Stromtrasse von ganz anderem Kaliber. Für sie wurde eine breite Schneise in den Wald geschlagen auf der natürlich kein Hochwald entstehen darf. Regelmäßig wird hier aufkommendes Gehölz zurückgeschnitten.

Von nicht unerheblichem ökologischen Wert waren die im Westen an den Nammer Wald angrenzenden Stuckenwiesen, von uns “Große Wiese” genannt. Die westliche Grenze bildete ein mit Bäumen und Büschen umsäumter Bachlauf. Es gab Kopfweiden und Rinderställe. Vom Bach gespeist wurden auch etliche kleine Teiche, die als Viehtränken dienten. Die Wiesen gingen über die Gemeidegrenze Lerbeck- Nammen hinaus. Auch auf Meißener Gebiet gab und gibt es teilweise sehr vernässte Wiesen. In den 70 er Jahren des vorigen Jahrhunderts war es mit dieser Idylle vorbei. Die Wiesen auf Nammer Seite wurden zu einem großen Teil mit Drainagerohren versehen und in Ackerland umgewandelt, die Teiche verschwanden bis auf einen und der Bach wurde weiter südlich in den Osterbach umgeleitet und sein unterer Lauf somit trockengelegt.

Auch das schmale Waldgebiet nördlich der Rintelner Straße war durch Eingriffe von Menschenhand betroffen. Da war z.B. der Gebäudekomplex von Bad Nammen mit Kaffeegarten und breiter Zufahrt. Diese führte zwischen Kurhaus und Garten weiter bis zum Petzer Kerkweg. Heute ist alles dem Erdboden gleich und die Natur hat sich das Gelände zurückerobert. Es blieben einige Platanen, die nicht unbedingt zu den Bäumen gehören, die bei uns endemisch sind.

In den 70 ern wurde die B 65 vierspurig ausbebaut. Sie führte nördlich am Nammer Wald vorbei und bildete für die Tiere ein nicht unbeträchtliches Hindernis. Dies ist insofern von Bedeutung, da das Nammer Holz zusammen mit dem Forst Bückeburg auf niedersächsischen Gebiet ein wichtiges Trittsteinbiotop zwischen Schaumburger Wald und den Wäldern des Weserberglandes darstellt. Im Zuge dieser Straßenbaumaßnahme wurde außerdem ein Stück des Sandfurtbaches begradigt.

Anfang der 80er erfolgte der Bau der Nammer Kläranlage und veschlang inklusive Zufahrt einige Quadratmeter Wald. Die zu ihr führenden Abwasserleitungen wurden teilweise auf Waldgebiet zwar unterirdisch verlegt, die markierten Revisionsschächte sind aber gut zu erkennen. Sie liegen zum Glück meist an den Wirtschaftswegen.

Heutiger Zustand

Inzwischen hat ein Umdenken stattgefunden und man weiß den Wert von natürlichen Wäldern, Wiesen, Feuchtgebieten und Brachen wieder zu schätzen. Mit der Renaturierung von Fließgewässern wurde wie im Vorwort erwähnt schon begonnen. In der Karte von Puttkammers von 1837 wird der dort nach dem Sandfurtbach mit dem größten Wasseraufkommen fließende Bach als “der krumme Bach” bezeichnet, wahrscheinlich, weil er auf etwa 300 m seinen ursprünglichen mäandernden Verlauf beibehalten durfte. Im Bereich der von Menschen kultivierten Landschaft wurden und werden solche Gewässer als Vorfluter gesehen und möglichst schnell und gradlinig in den nächsten Fluss abgeleitet. Mit hohem Aufwand hat man die Fließstrecke dieses Baches durch Umleiten auf reines Waldgebiet und durch Einbau von zahlreichen Mäandern mindestens verdoppelt. Der im vorigen Abschnitt angesprochene die Grenze zu Lerbeck bildende Wasserlauf dagegen wurde tief ausgebaggert, damit die landwirtschaftlichen Flächen an seiner Westseite möglichst tiefgründig entwässert werden. Solche Kompromisse müssen wohl sein, obwohl sich auch an dieser Stelle früher ein Feuchtgebiet mit Binsen befand, das auch durch Auffüllen mit Erdboden nicht weichen wollte. Nur wenige Meter südlich davon hat man ein solches wieder renaturiert und den Versuch aufgegeben, ein Quellgebiet in Ackerland zu verwandeln. Durch Anlage eines Teiches mit Schilfgürtel und Erlenbestand ist ein Biotop entstanden. Dieses ist in den Landschaftsplan mit aufgenommen worden. Auf Lerbecker Gebiet ist noch Potenzial zur Erweiterung der Waldfläche wenn auch nur in geringem Umfang vorhanden. Die Entfernung zum Waldgebiet des Roten Brinkes beträgt hier nur wenige 100 Meter, und entlang des Osterbaches bis zur ehemaligen Strahnmühle steht noch eine Baumreihe.

Eine Verbindung sei es auch nur im geringsten Umfang verbunden mit der Entrohrung des Baches wäre für mich eine äußerst sinnvolle Maßnahme mit hohem ökologischen Wert. Die Interessen der Landwirtschaft werden dem entgegenstehen, aber gerade hier hat man immer wieder Ackerfläche brach liegengelassen.

Unterhalb ist noch das Gebiet der ehemaligen Röthekuhlen mit einem schmalen Baumstreifen zu erwähnen. Das hier vor Jahren mit großem Aufwand angelegte Biotop ist auf Grund von Fehlplanung inzwischen ausgetrocknet. Es funktioniert halt nicht, wenn man einen Teich neben einem wesentlich tiefer liegenden Graben anlegt. Das Wasser sucht sich irgendwelchen durch Tiere angelegten Gängen folgend den Weg nach unten der Schwerkraft folgend.

Man kann nur hoffen, dass das nicht auch bei der Neuanlage des Bachlaufes im Nammer Wald eintritt, denn noch besteht der alte wesentlich tiefer liegende Graben teilweise in unmittelbarer Nähe mit geringer Wasserführung. Wo dieses Wasser wohl herkommt?

Dieter Bahe
Nammen, 2018

Schwefelquelle
Entrohrung
Weitere Quelle
Anfang der Renaturierung
Weiterer Verlauf
Der krumme Bach
Stromschnelle
Biotop
Wiesenbereich
Insel
Mäander im Wald
Mäander
Ohne Mäander
Bauabschnitt
Aushub
Geplanter Verlauf